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Psychologenverband beklagt Ausbildung der Psychotherapeuten
Dokumentation eines Artikels aus dem Job Newsletter 9/04 der ZEIT
Die Ausbildung zum Psychotherapeuten kann einen Diplompsychologen schon krank machen. Nicht etwa, weil viele Psychologen zu gut sein wollen und deshalb unter einem enormen Druck leiden, wie die Psychotherapeutin Eva Jaeggi festgestellt hat, oder weil "diese Seelenklempner meistens selbst nicht alle Tassen im Schrank haben", wie der Volksmund sagt. Nein, die Gründe liegen in der Ausbildung selbst. Nach durchschnittlich acht Semestern Studium und Diplom muss der Psychologe nämlich anschließend eine praktische Ausbildung in einem Institut absolvieren, die theoretisch drei, de facto aber häufig fünf Jahre dauert. Die Psychologischen Psychotherapeuten in Ausbildung (PPiA) leisten dabei meist die selbe fachlich qualifizierte Arbeit wie fertige Psychotherapeuten sie wird aber entweder gar nicht oder nur schlecht bezahlt. Im Gegenteil: Die Auszubildenden müssen sogar noch Geld mitbringen und das nicht zu knapp!
Die angehenden Psychotherapeuten müssen schließlich auch während der Ausbildungszeit von irgendetwas leben: sie brauchen Geld für Wohnung, Kleidung, Haushalt und ein bisschen Freizeit. Darüber hinaus müssen sie nach Darstellung des Berufsverbandes Deutscher Psychologen drei Jahre lang einen monatlichen Beitrag zahlen: für Lehrgeld, Gruppen, Selbsterfahrung. Außerdem kosten Einzel-Selbsterfahrung und Einzel-Supervision extra ("Supervision" ist die Beratung und Beaufsichtigung von Psychotherapeuten während der Ausbildung). Das bekommen die jeweiligen Therapeuten dann direkt bezahlt. So kostet die Ausbildung schnell 20.000 Euro und mehr plus individuelle Lebenshaltungskosten. Und das kann sich nur noch leisten, wer ebenso wohlwollende wie wohlhabende Eltern oder einen mutigen Kreditgeber hat.
Die Ursache dieses Übels sieht der Psychologenverband im Pschychotherapeutengesetz, das seit 1998 in Kraft ist. Das schreibt zwar drei Jahre berufsbegleitende Ausbildung und 600 zu leistende Therapiestunden in einem Institut vor, eine wie auch immer geartete Bezahlung ist aber nicht geregelt. Daraus leiten nach Darstellung des Psychologenverbands viele Klinikleiter das Recht ab, die PPiA "auch über längere Zeit unentgeltlich arbeiten zu lassen". Außerdem habe sich in kurzer Zeit die Haltung durchgesetzt, dass Therapiestunden gratis zu leisten sind und gegen die Supervisionen verrechnet werden. Das entspricht nur zehn Prozent des Honorars, dass die Kliniken den Patienten, also den Kassen berechnen. Das alles liegt mangels gesetzlicher Regelung im Ermessen des jeweiligen Klinikleiters. Vertragliche Regelungen sind offenbar unüblich, die Konditionen werden mündlich abgesprochen, sind dadurch aber so verbindlich wie Kaufempfehlungen für den Aktienmarkt.
Sind lange Ausbildungszeit und jahrelange Finanznot für manchen PPiA vielleicht noch zu ertragen, so gibt ihm die Ungewissheit über die eigene Situation den Rest. Denn auch die für die Zulassung zur Prüfung vorgeschriebene Beurteilung hängt vom jeweiligen Institutsleiter ab. Der hat natürlich das Interesse, eine gute und extrem kostengünstige Arbeitskraft so lange an seinem Institut zu halten wie irgend möglich. Und das kann Therapeuten in Ausbildung schon fertig machen. Und führt letztendlich dazu, dass der in einer Art Duldungsstarre verharrt und nur noch stumpf darauf wartet, seine überlange Ausbildung endlich abzuschließen: "Ich hab' keine Kraft mehr, ich spring' über jedes Stöckchen, das man mir hinhält", zitiert der Verband einen Psychologen.
Der Psychologenverband räumt zwar ein, dass es zwischen den Instituten Unterschiede gibt. Doch die gesetzlichen Voraussetzungen seien für alle gleich. Deshalb führe nicht der böse Wille einzelner Institutsleiter zu den schlimmen Zuständen, sondern die Tatsache, dass die Klinikleiter gesetzliche Spielräume konsequent ausnützen. Fazit von Hans Schumacher, Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Landesgruppe des Psychologenverbandes: "Also wenn ich ehrlich bin, würde ich derzeit niemandem raten, diese Ausbildung zu machen". Womit er sich zum Teil ins eigene Fleisch schneidet, denn seine Verband beklagt die langsame Überalterung des Berufsstandes mangels ausreichenden Nachwuchses. Logische Forderung des Verbandes: Das Psychotherapeutengesetz muss dringend überarbeitet werden. Das Gesetz solle der Willkür einen Riegel vorschieben und die Psychotherapeuten in Ausbildung den Ärzten gleichstellen, die in dieser Phase der Ausbildung bereits gegen Bezahlung als Assistenzarzt arbeiten.
Martin Tofern
ZEIT Job-Newsletter
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