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Informationsdienst Psychologie 1/2002

Wege aus dem Chaos

Messies sind oft ungeliebte Menschen

Maria sammelt Joghurtbecher, Klaus sammelt Stoßstangen von alten seltenen Autos, Fabian alles, was mit Computern zu tun hat. Na und? Sammler sind doch eigentlich glückliche Menschen, denn sie haben ein Hobby, was sie ausfüllt und zu Kennern macht. Nur - Maria hat inzwischen einige Tausend Joghurtbecher in der Küche und keinen Platz mehr zum Kochen, Klaus kann seine Garage nicht mehr benutzen und Fabians Wohnzimmer ist derart ungemütlich geworden, dass seine Frau ihn verlassen hat.

"Sammeln wird krankhaft, wenn mindestens eine Person darunter leidet," sagt der Leiter des Psychologischen Forums Offenbach, Werner Groß, der seit Jahren Sammler therapiert, die zu "Müllis" oder (englisch) "Messies" geworden sind und Gefahr laufen, ihren Job oder Partner zu verlieren. Denn Messies sammeln nicht zielgerichtet, sondern unstrukturiert, meistens nicht nur Joghurtbecher oder Stoßstangen, sondern meist alles, "was man irgendwann noch mal gebrauchen könnte," wie sie entschuldigend sagen. Manche auch alte Kartons oder zerknautschte Plastiktüten, die dann überall herumliegen. Und sie sammeln nicht, weil sie in Not sind, wie seinerzeit Flüchtlinge, die alles verloren haben, wie DDR-Bürger, die Versorgungsengpässe umgehen mussten oder alte Frauen, die sich nicht von ihren Erinnerungen trennen können. Sie sammeln, bis sie irgendwann den Überblick verlieren und im Chaos zu ertrinken drohen. Der Versuch aufzuräumen gliche dem Versuch, mit einer Kinderschaufel einen Urwald zu roden.

Messies lassen eines Tages niemand in die Wohnung, finden nichts mehr, was sie suchen, schlafen auf dem Fußboden und lassen sich Fastfood kommen. "Ich habe immer wieder alles neu kaufen müssen, weil ich nichts mehr finden konnte", sagt Jochen Kalthaus, der in Berlin die bundesweit etwa 120 Selbsthilfegruppen betreut und auch in Österreich und der Schweiz helfen kann, wenn jemand aus seinem Chaos aussteigen will. Als seine Frau ihn aus der gemeinsamen Wohnung warf, ist er mit 86 Umzugskartons in die neue Wohnung gezogen, in die er den Inhalt aus Schubladen und Schränken gekippt hat, um später alles einmal aufzuräumen. "Messies sind nämlich oft krankhaft perfektionistisch", sagt er resignierend. "So lange das richtige Ordnungssystem fehlt, fangen sie gar nicht erst an".

Messies sind aber auch oft überdurchschnittlich intelligent und kreativ. Kalthaus zum Beispiel arbeitet als Informatiker und hat schon die halbe Welt bereist - vorausgesetzt, er konnte seinen Pass finden. Seine gut 24.000 Dias kann er nicht mehr überblicken. Aus Angst, irgendwann mal seinen Arbeitsplatz zu verlieren, hatte er unzählige Fachzeitschriften abonniert. Die hob er alle auf. Irgendwann waren das dann mal über 7.000 Exemplare.

Der Psychologe Groß unterscheidet vier Typen von Messies: Die "Eichhörnchen", bei denen das Sammeln und Horten bis zur Vermüllung gehen kann, die Zeit-Chaoten, die immer zu spät kommen oder Termine verbummeln, bis sie ihre Freunde oder den Job verlieren, die Chaosarbeiter, die alles beginnen und nichts zuende bringen und die sogenannten "Ich-Chaoten", die von allem etwas verstehen, sich für alles begeistern, zwischen Themen, Trends und Interessen irrlichtern, ohne je bei der Sache zu bleiben.

"Das ist dann aber schon eine psychische Störung am Rande der Psychiatrie", sagt Groß, der sich auf die Behandlung von stoffungebundenen Süchten spezialisiert hat. "Excessives Sammeln kann eine Sucht oder eine Zwangshaltung sein. Zwanghafte Sammler leiden selber unter ihren Zwängen, an den Süchtigen leidet ihre Umgebung".

Die Psychologin Gisela Stein von der Universität Bielefeld hat in einer Untersuchung festgestellt, dass "Probleme der Desorganisation von Raum und Zeit" ein chronisches Leiden sind, "dass mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten weiterer psychischer Störungen, insbesondere Depressionen, Essstörungen und Angst einhergeht. Manche Hinweise treffen aber auch exakt auf die Beschreibung von Zwangshaltungen zu".

Aber wie wird einer vom Sammler zum Messie? Groß unterscheidet auch hier: Zum Beispiel durch extreme Verlusterlebnisse (Tod eines nahen Angehörigen) oder durch ein verletztes Selbstwertgefühl, was durch Macht und Kontrolle über Sachen gestützt werden soll. Manchmal sind Reifungsprozesse der Persönlichkeit nicht zu Ende gekommen, der Messie steckt gleichsam noch in der Pubertät, wo der Aufruhr der Seele sich im Chaos des Kinderzimmers widerspiegelt. Manche Messies haben früh gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zu ignorieren und emotionale Schäden aus frühkindlicher Zeit werden nun kompensiert - die Unfähigkeit zu fühlen führt dazu, sich für das HABEN zu entscheiden, weil das SEIN nicht gelingt. "Je mehr Löcher in der Seele, desto mehr Perlen in der Krone", sagt Groß.

Auf eine eher biochemische Ursache ist kürzlich der Medizin-Psychologe Dr. Georg Wolff von der Medizinischen Hochschule Hannover gekommen. Wolff arbeitet seit Jahren mit hyperaktiven Kindern und hat festgestellt, dass das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS), unter dem solche Kinder leiden, oft noch im Erwachsenenalter fortbesteht. Diese Kinder sind entweder nicht ausreichend behandelt worden oder die Therapie hat bei ihnen nicht angesprochen. Und so werden sie noch als Erwachsene von ihrer eigenen Unrast getrieben, bindungslos, ziellos, immer "zwischen den Stühlen", kurzfristige Blender, deren Beziehungen und Karrieren immer wieder zerbrechen, weil es keiner mit ihnen aushalten kann. Die brauchen nun etwas, woran sie sich festhalten können - was sie sammeln, läuft ja nicht vor ihnen weg.

"Süchtige Messies sind auf den ersten Blick liebenswert und liebenswürdig" sagt Werner Groß, " aber sie sind ohne klare Ich-Grenzen und lassen sich vom Leben überfluten. Böse ausgedrückt: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Zwanghafte Messies dagegen sind Perfektionisten, die an ihren eigenen Ansprüchen scheitern".

Manche Messies kommen selbst in Therapie, andere werden von ihren Partnern oder Arbeitgebern geschickt. Die Therapie ist zunächst ganz pragmatisch und verläuft in kleinen Schritten. Therapeut und Klient arbeiten ein erstes kleines Ziel heraus ("wenigstens eine Kochplatte soll benutzbar werden" oder "ich möchte endlich wieder duschen können") und besprechen, welcher Weg dahin zu gehen ist. Groß empfiehlt "seinen" Messies, sich von einem Freund, einer Freundin (vielleicht aus einer Selbsthilfegruppe) helfen zu lassen und analog zu der amerikanischen Erfolgsautorin Sandra Felton das Vier-Kisten-Prinzip anzuwenden: in eine Kiste kommt alles, was man wegwerfen kann, in die andere alles, was verkauft oder verschenkt werden soll. Eine (besonders kleine) Kiste beherbergt Sachen, bei denen man sich nicht auf Anhieb entscheiden kann, was damit zu geschehen hat, der Inhalt der vierten darf aufgehoben werden. Und: Für alles, was man neu kauft, muss etwas anderes hergegeben werden.

"Bis hierher scheint das eine ganz einfache Verhaltenstherapie" zu sein", sagt Groß, " aber das Hergeben tut den Leuten verdammt weh und geht an die Substanz. Das ist dann der Zeitpunkt, wo tiefenpsychologische Schritte gegangen werden müssen. Wir steigen in die individuelle Biografie ein und loten aus, wie die Beziehungen zu den Eltern oder Geschwistern waren, ob die Mutter gestorben, der Vater die Familie verlassen hat, ob Wut und Angst die frühe Kindheit begleitet haben. Diese Vertiefung ist wichtig, denn wer nur die Wohnung aufräumt, riskiert einen Rückfall, wer seine Seele aufräumt, kommt mit sich selber klar und vom HABEN zum SEIN, wie es Erich Fromm beschrieben hat".

Die Zahl der in Deutschland unter dem Messie-Syndrom leidenden Menschen wird auf etwa 1,8 Millionen geschätzt und die Zahlen steigen, weil die Überflutung mit Konsum und Informationen für manchen Menschen einfache Ordnungssysteme zunichte macht. "Allein in Berlin haben sich etwa 300 Betroffene in Selbsthilfegruppen organisiert", sagt Jochen Kalthaus. "Davon haben etwa 40 Prozent eine akademische Vorbildung. Besonders hoch ist der Anteil aus sozialen oder pädagogischen Berufen wie Lehrer oder Krankenschwestern, Ärzte oder Sozialarbeiter. Inzwischen gab es schon drei Selbstmordfälle, darunter ein Dozent der Freien Universität".

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