Der 
Verband
Politik
Publikationen
Profession
Presse
  Pressemitteilungen
  Expertenvermittlung
  Report Psychologie
  Terminliste
  Publikationen



Sektionen
Landesgruppen
BV Studierende
BV Studierende

Akademie
Verlag
Wirtschaftsdienst
Haus der Psychologie
Akademie


Suche auf den Seiten des BDP


    Facebook Twitter
XING LinkedIn
      Kontakt
      Impressum
      Sitemap




Informationsdienst Psychologie - IDP 2/2003

Chinas Schulen im Umbruch

Psychologen wirken als Gestalter dieses Prozesses mit

Rascher gesellschaftlicher Wandel ist der westlichen Welt geläufig, dennoch verblüfft das Tempo, mit dem er sich in China vollzieht. Verschiedene Komponenten wirken zusammen: eine konsequente Bevölkerungspolitik, der wirtschaftliche Aufschwung, die Öffnung zum Westen... Vor 10 Jahren konnte einem Europäer auf der Straße widerfahren, dass Menschen sich abwandten, vor fünf Jahren war das Hauptproblem die sprachliche Verständigung, während heute in Großstädten aus allen möglichen Himmelsrichtungen das vertraute »Hallo« schon aus dem Mund von Vorschülern schallt, die Eltern stolz daneben. Einkaufszentren und Großkaufhäuser in uns gewohntem Stil, Fernsehgeräte vielerorts, Fernsehprogramme, die westliches Show-Business aufgreifen, unsere Talkshows imitieren, »neueste « Mode verbreiten, Filme, die an Action, westlichen wie östlichen Stils, kaum zu übertreffen sind, verbreitet Interneträume, in denen Jugendliche untereinander und mit der Welt chatten. Im Konsum- und Kommunikationsbereich sind potente Miterzieher am Werk. Ein Wandel, der sich unserer Lebensweise annähert mit der zum Teil bekannten Kehrseite: wirtschaftliche Unausgewogenheit und großes soziales Gefälle, innerhalb der Familien verändern sich Struktur und Beziehungen. Größere Autonomie der Kinder, hohe Erwartungen der Eltern an das Kind, der Frauen an ihre eigene Rolle, insbesondere hinsichtlich Gleichberechtigung, der Erwachsenen an wirtschaftlichen Erfolg, gehen einher mit Überforderung und Verunsicherung, Identitätskonflikten und hohen Scheidungsraten.
Respekt und Achtung gegenüber Eltern, Lehrern, Alten, der Gemeinschaft sind in der traditionellen Kultur verankert und wurden durch die Orientierung am sowjetischen Schulsystem verstärkt. Mit starker Lenkung und frontaler Unterrichtsorganisation und Vorrang auf Wissensvermittlung lassen sich große Gruppen unterrichten. Beachtenswert zu erleben wie Lehrer und Schüler zur Erhaltung von Disziplin in Schule und Öffentlichkeit beitragen.
Zunehmend gewinnt Bildung ihren hohen Stellenwert als Garant von Aufschwung. Eltern, Lehrer, Wissenschaftler und Politiker treffen sich in der Kritik und im Bemühen um eine Erneuerung der Schule. Dabei geht es um Raum für Individualität und Kreativität, Fokussierung auf Kompetenzvermittlung und um Differenzierungsmöglichkeiten. Besonderes Interesse findet das deutsche Bildungssystem mit seinen pädagogischen Traditionen. An verschiedenen Orten sind Kooperationen entstanden, darunter das bemerkenswerte und umfängliche Projekt zur Neuorientierung der vorschulischen Erziehung, in dem das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München und die East Chinese Normal University (ECNU) in Shanghai zusammenarbeiten. Dabei geht es um Forschung und Ausbildung, Curriculumentwicklung, Publikationen u.a.

Ende der 80er-Jahre war das verstärkte Interesse an ausländischen Erfahrungen erkennbar: Austausch und Anwerbung von Lehrern für Sprachunterricht, Musik, Psychologie, Berufsbildung u.a. Zu dieser Zeit suchten Kollegen aus Universität und Lehrerbildung, die sich mit schulischen Reformen auseinandersetzten, auf internationalen Kongressen fachliche Kontakte und begannen ihre Ideen in der Gründung von Privatschulen zu verwirklichen.

Privatschule in Urumqi setzt Maßstäbe
2001 hatte ich die Gelegenheit eine dieser Schulen zu besuchen. Die Nanhu-Schule in Urumqi ist inzwischen eine bis zum Abitur voll ausgebaute Internatsschule mit fast 2000 Schülern, die bereits mehrfach Auszeichnungen für die Qualität ihrer Ausbildung erhielt. Eine Schule, gegründet von Psychologen, basierend auf psychologischen Prinzipien, die an Reformpädagogik erinnern:

1. Eine der Schule Identität gebende Schulkultur, in der Werte, Verhalten und geistiges Klima als stimmige und motivierende Kraft für Schüler und Lehrer und das innere Wachstum der Schule ausgeformt sind. Das heißt:

  • jedem einzelnen Kind Beachtung zu geben, den ihm eigenen Lernwillen und damit seine Würde und Selbstachtung zu schützen,
  • mit Respekt vor der Schwierigkeit des Lernens jedem Kind Freude am Lernen und insbesondere am Lesen vermitteln,
  • Ausdauer, Fleiß, Zielstrebigkeit und eigenen Willen als Basis einer gesunden Persönlichkeit zu stärken,
  • Zukunftsorientierung und Verantwortlichkeit für mich selbst, für andere, mein Land, die Welt entwickeln.

2. Eine Unterrichtsreform, die eine Erweiterung des staatlichen Lehrplans betrifft. Beispiele:

  • Fremdsprachenunterricht ab 3. Lebensjahr,
  • Anfangsunterricht des Chinesischen bereits im Vorschulalter. Später sollte jedes Kind wenigstens ein Buch pro Monat lesen,
  • Algebra als Grundlage für logisches Denken bereits ab Klasse 4,
  • Sachkunde mit Bezug zu naturund sozialwissenschaftlichen Grundkenntnissen,
  • Werteerziehung mit Bezug zum Alltagsleben: Ich und die Natur, die Gesellschaft, die Organisation, die Lehrer, die Eltern, das Land,
  • Neben Kunst, Musik, Sport und »mental guidance«, viele frei zu wählende Aktivitäten.

3. Reform der Unterrichtsmethodik – Beachtung der folgenden Prinzipien:

  • Entwicklung der Fähigkeiten der Schüler, Arbeit auf einem mittleren Schwierigkeitsniveau. Herausforderung von Motivation, Interesse und Entdeckungsfreude,
  • Effizienzprinzip: Reduktion von Lernmenge, Stundenzahl, Wiederholungen,
  • Förderung von Individualität, freiem Denken, Fragehaltung, Argumentieren,
  • Differenzierung und zulassen unterschiedlicher Lerntempi.

4. Eine bewusste Sozial- und Werteerziehung, die das gesamte Schulleben durchzieht, sich aber mit den Realitäten außerhalb der Schule auseinandersetzt:

  • Es geht um Unterscheidung zwischen »Gut und Böse«, Interessen und Betroffensein, Wunsch und Handlung, Richtig und Falsch, Ehre und Entwürdigung, die Stärkung des eigenen Urteils.
  • Es geht darum, dass Kinder lernen mit ihren eigenen Wünschen angemessen umzugehen.
  • Diese Inhalte werden auch in Kursen mit Lehrern und Eltern trainiert.

5. Kontakt und Austausch mit Institutionen und Fachleuten im In- und Ausland.

Über 10 Jahre konnte ich aus der Ferne in schriftlichem und mündlichem Austausch an der Entwicklung dieser Experimentalschule teilnehmen. Die Freude, Offenheit, Neugierde der Schüler, das Gesprächsinteresse und Engagement der Lehrer, der herzliche Empfang durch die Schulleiterin, Li Weixia, bekannt als Verfasserin schulpsychologischer Bücher, und die gesamte Schulgemeinde spiegelten eine so freundliche und belebende Atmosphäre, die glaubhaft macht, dass dies Konzept der psychologischen Prinzipien gut umgesetzt wird. Deren Verfasser, Prof. Zhang Xie (1980), Mitbegründer und Ehrenpräsident der Nanhu-Schule, baut derzeit eine weitere Schule in Kunming auf. Viele Schulen – private wie staatliche – sind auf ähnlichen Wegen, vielerorts ist Schulpsychologie an diesen Veränderungen beteiligt.

Empfehlungen an das staatliche Erziehungsbüro
Als Antwort auf einen enormen Bedarf an qualifizierten Schulverantwortlichen gründeten Psychologen das »School Psychology Administrative Committee«, organisierten umfängliche Fortbildungsmaßnahmen, danach regelmäßige landesweite Konferenzen, publizierten die ersten grundlegenden Schriften und Bücher über Schulpsychologie, nahmen Kontakt zum Ausland auf. Ab 1993 nannte sich die Organisation »School Psychology Committee« und wurde Mitglied der International School Psychology Association (ISPA). »In 10- jähriger Entwicklungsarbeit ist ein nationales Forschungsteam entstanden, das grundlegende theoretische Fragen erforscht, zugleich allen praktischen Erziehungsproblemen in Schulen aufmerksam nachgeht «, so Mo Lei. Dieses Gremium fasste folgende Beschlüsse:

1. Empfehlung an das staatliche Erziehungsbüro:

  • Die Schulpsychologie zum Routineangebot aller Schultypen zu machen,
  • vorausgesetzt eine qualifizierte Ausbildung der Anbieter vor Dienstantritt,
  • daher sollten Diplom und Studiengänge der Schulpsychologie an allen Universitäten und Lehrerfortbildungs- Einrichtungen angeboten werden,
  • Kurskonzepte und Lehrbücher sind zu erarbeiten und zu veröffentlichen,
  • in die Lehrpläne aller Schulen Kurse für eine Erziehung zu psychischer Gesundheit aufnehmen.

2. Herausgabe einer Fachzeitschrift in Kooperation mit mehreren psychologischen Vereinigungen unter dem Titel »Psychology Exploration« zur Veröffentlichung von Beiträgen zu Theorie, Forschung und Unterricht der Schulpsychologie, ergänzt durch Übersetzungen von Beiträgen, die Trends und Entwicklungen unseres Fachgebietes weltweit reflektieren.

3. Beschluss, im gesamten Land Regionalverbände zu gründen unter Sicherung und sorgfältiger Prüfung ihrer Fachqualität.

4. Stiftung eines Preises für hervorragende Beiträge zur Schulpsychologie als Anreiz für Forschung und als Weg zur Verbreitung erfolgreicher Erfahrungen.

5. Seminare zur Verbesserung des Forschungsstandes in Kooperation mit auswärtigen Universitäten. Alle oben genannten Vorschläge wurden teilweise realisiert. Trotz der großen Fortschritte sind bei ihrer Umsetzung viele Probleme zu bewältigen.

Neben dem enormen Bedarf an Schulpsychologen in allen Schulen des Landes sind dies die fehlende Verbindung von Hochschulen mit der Praxis. Forschung bezieht sich so zu wenig auf Prozesse in Schulen. Die Verbindung zwischen Wissenschaftlern und Praktikern zu stärken, ist eine der ganz wichtigen Aufgaben, wichtiger als die Finanzen, das Bewertungssystem und fehlende Veröffentlichungen.
Mo Lei: »Sobald wir diese beiden Hauptprobleme gelöst haben, wird die Schulpsychologie in China eine glänzende Zukunft haben. Wir sind uns unseres Erfolges sicher!« Diese Aufbruchstimmung vermittelt sich, wenn schon die Kindergartenkinder ihr Englisch am ausländischen Gast erproben, die Erstklässler sich zu selbstorganisiertem Nachmittagssport treffen, der Schulpsychologe ein Gespräch mit Schülern über ihr bevorstehendes Abitur moderiert, der Schulberater seine Test- und Beratungsräume zeigt und sein Lernhilfeprogramm erläutert, Psychologin und Schulleitung ihr Präventionsprogramm zur psychischen Gesundheit vorstellen mit Internet-Beratung, mit niedrigschwelligem Angebot im Schulcafé, mit Gruppengesprächen, durch Kooperation mit Klinikern und mit mehrstufigem Beratungs- und Trainingsangebot für Eltern unter Einbeziehung öffentlicher Medien.
»Guten Erfolg für die Weiterentwicklung, guten Erfolg für den bevorstehenden Kongress!« wünscht eine Schulpsychologin, die hierzulande nach 25-jähriger Tätigkeit für zuletzt nur noch 40 Schulen die Pensionierungsgrenze erreichte, dankbar die ständige Überforderung zurücklassend und betrübt, dass selbst dieses minimale Angebot für unsere Schulen dem Rotstift zum Opfer fallen wird.

Dr. Erika Voigt
Präsidiumsbeauftragte für Kinderrechte/ Kindeswohl

26th ISPA International Annual Colloquium Office 140, Wensan Road, Hangzhou 310012 P.R. of China www.ispa-china.org, LOC@ispa-china.org

[ Diesen Text als Word-Dokument ]
[ Übersicht ]