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Informationsdienst Psychologie - IDP 1/2004

Im Kopf bist du schon vorher Sieger

Sportpsychologie gehört zum professionellen Training

Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Beckmann, Universität Potsdam

Im vergangenen Jahr wurde vom Deutschen Sportbund ein olympisches Sonderprogramm Sportpsychologie in Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele in Athen aufgelegt.

Ist das nicht viel zu spät und sollte psychologische Arbeit mit Sportlern nicht zum Alltag gehören statt Gegenstand von Sonderprogrammen zu sein?

Das ist richtig, doch vieles deutet darauf hin, dass es nach Athen weitergehen wird. Insofern begrüße ich das Programm sehr. Die nach Bekanntgabe eingegangenen Anträge bestätigen das Interesse an psychologischem Wissen und psy- chologischer Diagnostik. Zu denen, die besonders positiv reagiert haben, gehören der Ruderverband und der Golfverband. Natürlich bleibt noch eine ganze Reihe von Hürden, aber wir sind auf einem guten Weg. Das hat auch eine Umfrage unter den Olympiastützpunkten gezeigt.

Worin sehen Sie Gründe für die bei einigen Sportlern und Sportfunktionären noch bestehende Skepsis gegenüber der Psychologie?

Von Skepsis ganz allgemein würde ich nicht mehr sprechen. Als ich Mitte der 80er drei Jahre lang mit einer Basketballmannschaft arbeitete, hatten einige Mitspielerinnen anfangs noch die Einstellung: Ich bin doch nicht bekloppt, wozu brauche ich also einen Psychologen? Interessant war, dass für eine in der Mannschaft spielende ungarische Nationalspielerin die sportpsychologische Arbeit selbstverständlich war. Auch eine Amerikanerin fragte sofort nach dem Sportpsychologen. Für sie wäre es undenkbar gewesen, auf diese Hilfe verzichten zu müssen, und ähnlich verhielt es sich mit einer Australierin. Das Team wurde einmal deutscher Meister und zweimal Pokalsieger und am Ende schätzten alle die sportpsychologische Betreuung. Trotzdem schrieb die BILD-Zeitung Anfang der 90er-Jahre, als ich für die Skinationalmannschaft zu arbeiten begann, »Skimannschaft holt sich Psychiater «. Selbst zu dieser Zeit war das Wissen noch wesentlich geringer und Skepsis verbreitet. Das änderte sich ganz allmählich.

Der Prozess scheint mir, wenn ich an die jüngste Debatte über psychologische Betreuung für Skispringer denke, noch lange nicht beendet. Gibt es Sportarten, in denen sich Skepsis besonders hartnäckig hält?

Fußball ist so eine Sportart. Aber auch da muss man differenzieren. Es sind oft nicht die Spieler, sondern die Trainer, die einen Psychologen neben sich ablehnen. Ich habe mehrere Spieler in der Betreuung. Schwierig wird es, wenn die dann sagen, ihr Trainer dürfe von unserem Kontakt nichts wissen, wie ich es einmal bei einem Spieler von 1860 München erlebt habe. Schließlich haben wir es in der Sportpsychologie oft mit gruppendynamischen und Kommunikationsprozessen zu tun, zum Teil zwischen Spieler und Trainer.

Wenn man liest, dass der Teamarzt der Skispringer, ein Internist, die psychologische Arbeit »mit macht« und dass Bundestrainer Wolfgang Steiert zur Begründung für seine Ablehnung eines Psychologen sagt »Unser Stab ist groß genug. Ich bin selber Hobby-Psychologe? «, dann fragt man sich schon, wo hier die Qualitätssicherung bleibt. Verdient alles, was da an »psychologischer Arbeit« mit Sportlern gemacht wird, die Bezeichnung Sportpsychologie?

Leider nicht. Hertha BSC hat zur psychologischen Betreuung lange einen Theologen beschäftigt und jetzt zu einem Linguisten gewechselt. Deutsche Leichtathleten werden von einem Unternehmensberater und NLP-Trainer »psychologisch « betreut. Da geschieht im professionellen Sport noch viel Unprofessionelles.

Wie sieht die praktische Arbeit mit den jungen Golfern aus?

Am Anfang steht eine ausführliche Diagnostik - sportspezifisch und sportartspezifisch. Da geht es z.B. um das sportspezifische Leistungsmotiv, die Handlungs- und Lageorientierung, die etwas darüber aussagt, wie sehr jemand dazu neigt, über Misserfolge zu grübeln. Es geht um Tätigkeitszentrierung, wie stark sich jemand motivieren kann, wie die Erholungs-Belastungs- Bilanz aussieht. In Einzelgesprächen werten wir die Befunde aus und sprechen auch über spezielle Probleme, die jeder an sich selbst beobachtet. Daraus leite ich einen Behandlungsplan ab. Zusätzlich haben wir in diesem konkreten Fall festgestellt, dass die Jungen noch kein Team sind; es müssen also Teambildungsmaßnahmen ergriffen werden. Zum Programm gehören auch Entspannungsverfahren. Im Trainingslager laufe ich mit ihnen mit, schaue mir auf dem Platz ihr Pre-Shot und ihr Post-Shot-Ritual an. In der Phase der Konzentration auf den Schlag dürfen sie nicht durch andere Dinge belastet werden, keine störenden Gedanken aufkommen lassen, die Lockerheit bewahren. War es am Ende ein guter Schlag, gilt es die positive Erfahrung im Post-Shot-Ritual richtig zu bekräftigen und so das Selbstvertrauen zu stärken. Die positive Erfahrung muss so im Gedächtnis verankert werden, dass sie dort abrufbar ist. Bei einem schlechten Schlag kommt es darauf an, rasch umzuschalten auf eine neue Aktivität, negativen Gedanken keinen Raum zu geben. Das kann man lernen.

Worin bestehen die Risiken, wenn diese Arbeit unterbleibt oder wenn sie von nicht entsprechend ausgebildeten bzw. von selbst ernannten Hobby- Psychologen ausgeführt wird?

Wenn gar nichts gemacht wird, können Talente scheitern. Es gibt dieses Phänomen des Trainingsweltmeisters, der alle Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt, mit Stresssituationen aber nicht umgehen kann und deshalb in Wettkämpfen regelmäßig versagt, irgendwann aus dem Kader geschmissen wird oder von selbst geht. Wenn gar nichts gemacht wird, können aber auch Probleme innerhalb einer Mannschaft oder zwischen Sportlern und Trainer eskalieren. Nur bis zu einem bestimmten Punkt ist ein Eingreifen noch möglich; ein Psychologe würde das erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einleiten. Gefährlich kann es werden, wenn ein Sportler verletzt wird, Probleme hat, diesen Unfall aus seinem Kopf zu bekommen und wieder die frühere Leistungsfähigkeit zu erreichen. Traumaarbeit ist in so einem Fall unerlässlich.
Wenn psychologische Arbeit falsch gemacht wird, ist das mindestens genauso problematisch. Denken Sie an Methoden zur Optimierung des Erfolgs. Visualisierung kann, richtig gemacht, ein solches Mittel sein. Ich sage immer, im Kopf bist du schon vorher Sieger. Es genügt aber nicht einem Sportler vor dem Start zum Slalom zu sagen, er möge den Kurs visualisieren. Visualisierung muss systematisch aufgebaut werden, sonst kann sie sogar gefährlich sein, weil der Sportler ggf. etwas Negatives programmiert und regelmäßig stürzt. Wenn es z.B. einige Hänge gibt, die er nicht mag, oder der Kurs besonders eckig gesetzt ist und er sich deshalb Sorgen macht und dies nun auch noch visualisiert, dann fließt die Angst in die Visualisierung ein und es wird genau das eintreten, was er befürchtet. Deshalb ist es wichtig, Visualisierung unter die eigene Kontrolle zu bringen, vorher eine Entspannungstechnik anzuwenden und erst aus dem entspannten Zustand heraus mit einer positiven Erwartung an die Visualisierung zu gehen. Das muss man trainieren.
Oft genug führen Misserfolge, die durch unprofessionelle Arbeit entstanden sind, zu dem Schluss: Wir haben es ja mit Psychologie versucht und es hat nichts gebracht. Der Etikettenschwindel wird dabei übersehen.

Was geschieht, wenn Sie feststellen, dass ein einzelner Sportler mehr braucht als Ihre sportpsychologische Betreuung, dass er eine Therapie benötigt? Ist die Versuchung dann nicht groß zum Hobbytherapeuten zu werden?

Zum Glück sind solche Fälle selten. Ich erinnere mich an drei in fünfzehn Jahren Praxis. Ich habe den Betroffenen erklärt, dass ich gern einen Klinischen Psychologen hinzuziehen möchte und dafür auch Verständnis gefunden. Aber die Grenzen sind manchmal fließend. Ein Profigolfer kommt aus Südafrika zurück; er hat dort eine Magen-Darm-Infektion gehabt, die stark an seinem Selbstbewusstsein gezehrt hat. Er kommt zu mir, seinem Sportpsychologen und ich schicke ihn nicht weg. Eine Gesprächstherapie hilft ihm schon nach kurzer Zeit. Dies gehört m.E. in die Alltagsarbeit hinein.

Sie arbeiten seit 1997 am Institut für Sportwissenschaft der Universität Potsdam im Arbeitsbereich Sportpsychologie. Wie stark ist das Interesse der Studenten an Ihrem Fach?

Das Interesse nimmt zu. Die Zahl der Studenten, die sich für Sportpsychologie interessieren, wächst. Eine ganze Reihe von Psychologiestudenten möchte ihre Diplomarbeit auf diesem Spezialgebiet schreiben. In Potsdam darf ich als Mitarbeiter des Instituts für Sportwissenschaft ihre Diplomarbeit nicht betreuen. Das ist eine frustrierende Situation, aber ansonsten ist es ein sehr guter Standort. Das Institut hat viele durch Drittmittel finanzierte Aufträge und einen so guten Ruf, dass uns die Praktikanten die Türen einrennen.

Das Gespräch führte Christa Schaffmann

Prof. Dr. JÜRGEN BECKMANN
hat Sozialwissenschaften, Philosophie und Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum studiert und an der Universität Mannheim, Fakultät für Psychologie, promoviert und habilitiert. Bevor er 1997 an die Universität Potsdam als Professor für Sportpsychologie berufen wurde, hat er mehrere Jahre am Max-Planck-Institut in München gearbeitet.

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