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Informationsdienst Psychologie - IDP 1/2004

Bessere Chancen für Gewaltprävention

Politische Psychologen stellen Qualitätskriterien für Programme vor

Gespräch mit Prof. Dr. Siegfried Preiser über die Bemühungen eines Teams von Wissenschaftlern, einen Kriterienkatalog zu erarbeiten.

Die Brutalität und Hemmungslosigkeit, mit der Gewalttaten begangen werden, hat zugenommen. Die Notwendigkeit von Gewaltprävention und -intervention ist unbestritten. Aber woran erkennt ein Auftraggeber, ob ein Programm geeignet ist, den gewünschten Effekt zu erzielen?

Die Auftraggeber haben häufig Schwierigkeiten, Programmangebote fachlich und wissenschaftlich zu bewerten. Die Sektion Politische Psychologie und kooperierende Wissenschaftler haben sich deshalb das Ziel gesetzt, einen Kriterienkatalog für solche Programme zu entwickeln. Dieser ist weit gediehen, so dass wir ihn beim Deutschen Psychologentag in Bonn vorstellen wollen.

Wer sind in der Regel die Auftraggeber für Gewaltpräventionsprogramme?

Es gibt zum einen die Kultusministerien, die Programme in der Schule fördern oder auch nur anordnen. Es sind teilweise auch die Innenministerien, die sich vor allem des Themas »Politisch motivierte Gewalt « annehmen. Einige größere Programme laufen in den neuen Bundesländern zum Teil in Kooperation mit den Jugend- und Sozialministerien. Auch die Jugend- und Sozialdezernate größerer Städte treten als Auftraggeber auf.

Die Kommunen haben wenig Geld. Welche Chance hat unter diesen Umständen eine qualitätssichernde Maßnahme, die doch auch wieder Mittel verschlingt?

Qualität kostet Geld. Aber unser Ziel ist es nicht, Gewaltpräventionsprogramme unerschwinglich zu machen. Wir wollen den Auftraggebern vorab etwas in die Hand geben, damit sie abschätzen können, ob sich der finanzielle Aufwand für ein Programm lohnt oder nicht. So können auch Ausgaben vermieden werden. Die Kosten durch ein Prüfverfahren oder Zertifizierungsverfahren betragen nur einen Bruchteil von dem, was Maßnahmen kosten, wenn sie mehrfach Anwendung finden sollen.

Warum ist das eine Sache der Politischen Psychologie?

Es gibt einerseits die scheinbar private Gewalt - in Schulen, Familien, auf der Straße – und andererseits die politisch motivierte Gewalt. Die Politische Psychologie beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen und psychologischen Bedingungen, die letztere fördern, unterstützen oder ermöglichen. Aber auch bei der scheinbar privaten Gewalt spielen gesellschaftliche Faktoren mit hinein - von der Familien- oder schulischen Erziehung, über das Gewalt akzeptierende Umfeld bis hin zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die frustrierend sind und damit Belastungen und Risikofaktoren darstellen. Es geht nicht nur darum zur Friedlichkeit zu erziehen, sondern auch nach den Ursachen von Gewalt zu suchen und nach Gegenkräften. Es geht nicht so sehr darum, Gewaltursachen zu beseitigen, sondern die Gegenkräfte zu stärken. Solche Gegenspieler gibt es immer, so wie es beim Drogenkonsum Widerstandskräfte und Immunisierungsfaktoren gibt.

Betrifft der Kriterienkatalog sowohl vorhandene als auch neue Programme?

Ja. Es gibt sehr viele, sehr unterschiedliche Programme, die von gezielter Thematisierung von Gewalt über Immunisierungs- und Selbstvertrauens-Stärkungs- Strategien, über Abenteuererlebnis-Pädagogik, bis hin zu Kontaktprogrammen zu Ausländern reichen, die bei politisch motivierter Gewalt angewandt werden und Infos über fremde Kulturen liefern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Straßenfest mit Gerichten und Lesungen aus verschiedenen Kulturen, die Gewaltbereitschaft von bildungsfernen Jugendlichen mindert, ist eher gering. Skepsis gegenüber dem unkritischen Glauben an die Wirkung von Bildung, Aufklärung und interkulturellem Kontakt ist angebracht. Es muss zielgruppenbezogen gefragt werden, ob ein Bildungseffekt möglich ist. Es spricht nichts gegen Bildungsprogramme, Feste usw. Sie haben ihren eigenen Wert, den ich nicht schmälern möchte. Aber man darf nicht hoffen, damit die Gewalt oder die Ausländerfeindlichkeit in den Griff zu bekommen. Darum ist eines unserer Kriterien die Zielgruppenspezifität, aber auch die Klärung, was ich mit einem Programm erreichen will. Ist es Selbststeuerungskompetenz gegen Gewaltimpulse oder Verständnis für andere Kulturen? Noch einmal: Wir wollen Programme nicht diskreditieren, sondern den Programmanbietern helfen, zu artikulieren, wofür ihr Programm gut ist und damit leichter die richtige Zielgruppe und den richtigen Auftraggeber finden. Es gibt wenig Programme, die reine Scharlatanerie sind, aber bestimmte Angebote passen eben nur für bestimmte Ziele. Diese Transparenz wollen wir genauso für Auftraggeber schaffen. Gewaltpräventionsprogramme sollten an potenziellen Gewaltbedingungen arbeiten bzw. die bereits angesprochenen Gegenkräfte stärken.

Gibt es außer finanziellen auch noch weitere Risiken, wenn ein Programm nicht den Anforderungen entspricht?

Ich habe im Moment kein Programm im Kopf, bei dem ich solche Gefahren sehe. Ich weiß nur, dass manche Arbeitsformen mit rechtsradikalen Jugendlichen zu unerwünschten Begleiterscheinungen geführt haben, beispielsweise die Reise von Skin Heads nach Israel, bei der es zu Irritationen und zum Teil sehr heiklen Situationen gekommen ist. Teilweise sind auch Kontaktprogramme zwischen deutschen und türkischen Jugendlichen in Jugendzentren geeignet, mitgebrachte Vorurteile und Konflikte zu verschlimmern. Von diesen Ausnahmen abgesehen, sehe ich eher das Problem, dass knappe Ressourcen an falscher Stelle und damit wirkungslos verpuffen, während sie anders sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Versprechen Sie sich von Ihrem Kriterienkatalog auch eine Chance für bessere Evaluation?

Bisher gibt es nur unzureichende Ansatzpunkte für Evaluation. Die Erfahrung der Anbieter, aber auch der Beobachter aus der Wissenschaft besagt jedoch, dass Auftraggeber häufig gar kein großes Interesse an Evaluation haben. Sie fürchten das Risiko, dass dabei herauskommt, Geld sei wirkungslos oder mit nur unzureichender Wirkung ausgegeben worden. Das möchte keiner gern bestätigt bekommen. Eines unserer Anliegen ist deshalb auch, das Bewusstsein der Auftraggeber für Evaluation zu wecken – eine Evaluation, die zum einen hilft, künftige Entscheidungen besser begründen zu können, und zum anderen in der Zusammenarbeit mit einem Anbieter das Programm schrittweise weiterzuentwickeln im Sinne einer formativen Evaluation.

Sind auf diesem Feld schon viele Nichtpsychologen zugange?

Ja, und zwar Sozialpädagogen, Pädagogen und Sozialarbeiter. Dass sie keine Psychologen sind, bedeutet nicht, dass ihre Angebote schlecht sind. Ich möchte da keine Konkurrenz aufmachen. Aber auch für diese Programme sollte gelten, was wir in der Psychologie gelernt haben: theoretisch begründen, was wir machen, wie wir es machen und empirisch evaluieren, was wir gemacht haben und wie die Erfolge sind. Dafür sind manche dieser Programmanbieter durchaus aufgeschlossen. Psychologen haben nur für bestimmte Zielrichtungen die theoretische Fundierung, indem sie sowohl den sozialpsychologischen als auch den individuellen Aspekt und die Lernumgebung mit als Thema haben.

Wen wünschen Sie sich als Zuhörer und Mitdiskutierer beim Kongress?

Wir möchten unseren Kriterienkatalog vorstellen und diskutieren. Bei der Diskussion geht es vor allem um die konkrete Ausgestaltung der Fragen zu den einzelnen Punkten, von denen wir meinen, dass sie in ein solches Qualitätsprogramm hineingehören. Gegebenenfalls auch um eine Erweiterung. Wir erwarten, auf Probleme bei der Anwendung und Umsetzung aufmerksam gemacht zu werden. Ich wünsche mir, dass Fachleute, die sich mit Bedingungen von Gewalt wissenschaftlich beschäftigen, Fachleute für Evaluation, aber auch potenzielle Anbieter und Interessenten, die solche Programme nutzen, zu der Veranstaltung kommen.
Mit großem Interesse erwarten wir Personen, die in diesem Bereich tätig sind, Erfahrungen haben und unseren Kriterienkatalog daraufhin überprüfen, ob er auf sie zutrifft und wo sie an ihren eigenen Konzepten noch arbeiten oder Begründungsarbeit leisten müssen, um transparent zu machen, was in dem Programm drinsteckt. Es kommt uns entscheidend darauf an, dass Qualität nicht nur gesichert wird, sondern transparent ist und der Auftraggeber erkennen kann, ob eine Investition sich lohnt.

Das Gespräch führte Christa Schaffmann

Aus: Report Psychologie, 9/2003

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