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Informationsdienst Psychologie - IDP 2/2004

Zahlen, die uns neidisch machen

Untersuchungen zum Status und zur Tätigkeit von Schulpsychologen/innen in fünf europäischen Ländern

Umfragen und Forschungen zum Tätigkeitsfeld Schulpsychologie haben eine lange Tradition. Die UNESCO berichtete 1948 und 1956 über den Stand der schulpsychologischen Versorgung und empfahl dringend den weiteren Ausbau des Beratungssystems. Seit 1977 hat es sich die Internationale Schulpsychologenvereinigung ISPA zur Aufgabe gemacht, Informationen über den Stand der Schulpsychologie weltweit zu sammeln und zu verbreiten.
Die letzte umfassende Studie wurde 1992 in 54 Nationen durchgeführt. Die Autoren (Oakland und Cunningham) bescheinigten der Schulpsychologie, sie sei inzwischen eine etablierte und immer noch wachsende Profession. Zwischen den Staaten mit hohem bzw. niedrigem Bruttosozialprodukt bestanden jedoch große Unterschiede. Die Ergebnisse dieser Studie führten dazu, dass in weniger entwickelten Ländern vermehrte Anstrengungen zum Ausbau der Schulpsychologie unternommen wurden. Seit 2001 werden nun erneut Schulpsychologen/ innen in verschiedenen Ländern befragt. Die Ergebnisse der ersten Befragungsrunde liegen vor und werden in einer der nächsten Ausgaben von »School Psychology International« veröffentlicht werden. Sie sollen hier in Kurzform vorgestellt und soweit wie möglich mit der Situation in Deutschland verglichen werden.

Beteiligte Länder und Stichproben

In Albanien nahmen alle 11 dort tätigen Kolleginnen an der Befragung teil. In Estland wurden die Fragebogen bei Versammlungen der estnischen Schulpsychologen verteilt. Bei einer Gesamtzahl von 130 Schulpsychologen/innen entspricht der Rücklauf von 22 Exemplaren etwa einem Sechstel. In Griechenland wurden nahezu alle Schulpsychologen/innen im Großraum Athen erfasst. Allerdings wurde im Jahr 2002 eine Reihe neuer Stellen geschaffen, die nicht einbezogen werden konnten. In Großbritannien (Nord-England) antworteten 73 der 300 in dieser Region Tätigen. In Zypern schließlich nahmen 11 der insgesamt 17 Stelleninhaber an der Befragung teil.

Demographische Daten

  • In allen Ländern sind überwiegend Schulpsychologinnen tätig. In England beträgt die Frauenquote 63%, in Albanien 100%. Genaue Angaben für Deutschland liegen mir nicht vor.
  • In Albanien sind alle Kolleginnen noch sehr jung (Durchschnittsalter 24 Jahre), in den anderen Ländern liegt das Durchschnittsalter zwischen 35 (Griechenland) und 47 (Nordengland). Trotz einiger weniger Neueinstellungen dürfte das Durchschnittsalter in Deutschland noch höher liegen.
  • Die durchschnittliche Dauer der Tätigkeit als Lehrkraft ist sehr unterschiedlich. Während in Estland viele Kolleginnen sehr lange auch unterrichtend tätig waren (ø = 13 J.), ist dies in den meisten anderen Ländern nicht der Fall. In dieser Frage unterscheiden sich die einzelnen deutschen Bundesländer sehr.

Die Zahl der Schulpsychologen im Verhältnis zur Zahl der zu betreuenden Schüler ist sehr unterschiedlich. Dabei ist zu bedenken, dass die schulpsychologische Tätigkeit nicht immer gleich definiert ist und in einzelnen Ländern auch Arbeit im universitären oder klinischen Bereich umfasst. Die Zahlen lassen deutsche Schulpsychologen dennoch neidisch werden: In Albanien und Estland entfallen auf eine Kollegin weniger als 1000 Schüler/innen. Für Griechenland beträgt das Verhältnis 1 : 2600, für Nordengland 1 : 5000. Selbst das Schlusslicht Zypern hat mit 1 : 9000 eine wesentlich günstigere Versorgung als Deutschland (1 : 12500) aufzuweisen. Obwohl Deutschland zu den Ländern mit vergleichsweise hohem Bruttosozialprodukt gehört, liegt die Versorgungsrate mit Schulpsychologen/innen wie schon 1992 allenfalls auf dem Niveau bitterarmer Entwicklungsländer und erreicht bei weitem nicht den internationalen Standard.

Tätigkeitsspektrum und Einstellungen zur Tätigkeit

In allen untersuchten Ländern dominiert klar die klassische Einzelfallarbeit. Für die direkte (Zusammen-) Arbeit werden etwa 15% der Arbeitszeit aufgewendet. Die Arbeit mit Einzelfällen entspricht in Albanien, Estland und Griechenland auch den Vorstellungen der Befragten über die ideale Berufsrolle, während in Zypern und vor allem in England eher Systemberatung und die Arbeit mit Lehrkäften angestrebt wird. Vermutlich hat auch in diesen beiden schon länger etablierten Systemen ähnlich wie in Deutschland inzwischen ein Paradigmenwechsel in Richtung Arbeit mit den Schulen stattgefunden, während in der Aufbauphase der Einzelfall im Mittelpunkt steht. In der Einschätzung der bevorzugten und abgelehnten Aspekte der Tätigkeiten sind sich die Befragten aller Länder ziemlich einig. Am meisten geschätzt wird der direkte Kontakt mit Menschen und das Mitwirken bei positiven Veränderungen, am wenigsten organisatorische Unzulänglichkeiten, die Verwaltungsverpflichtungen und der externe Druck, der auch zur zeitlichen Überbelastung führt.

Schwierigkeiten und Behinderungen

Die Frage nach von außen kommenden Schwierigkeiten und Behinderungen ergab teilweise sehr auf die Situation in den einzelnen Ländern bezogene Antworten. In allen Ländern erwähnt wurden folgende, sicher auch auf deutsche Verhältnisse passenden Punkte:

  • Der Status der Schulpsychologen/ innen sei relativ niedrig.
  • Es gebe Konflikte mit konkurrierenden Berufsgruppn. (Dies gilt verstärkt für die schon länger etablierten Systeme in Zypern und England.)
  • Vor allem aber sei zu wenig Geld für adäquate Unterstützungssysteme zur Verfügung gestellt. An internen Schwierigkeiten wurden vorrangig genannt:
  • Mehr als die Hälfte der Befragten (außer in Albanien und Griechenland) sprach von Burn-Out-Gefährdung.
  • Mangelnde Forschung und Evaluation in diesem Arbeitsfeld.
  • Fehlende gegenseitige Unterstützung und Supervision (außer bei den englischen Kollegen/innen, die damit überwiegend zufrieden waren). Entsprechende Angaben für Deutschland liegen nicht vor.

Wünsche der Befragten

Die Wünsche an die Forschung differierten von Land zu Land sehr stark, wenn man von der Frage nach den Ursachen von Schulversagen (3 Nennungen) absieht. Die Wünsche an die ISPA als internationalem Berufsverband waren dagegen einhellig: Mehr Austausch von Material, Forschungsergebnissen und praktischen Erfahrungen sowie eine Klärung der Rolle der Schulpsychologie, die auch den professionellen Status erhöhen könnte.

Fazit und Folgerungen

Auch wenn die Ergebnisse der durch die ISPA organisierten Befragungen für Deutschland noch ausstehen, ist heute schon klar, dass die quantitative Versorgung mit Schulpsychologen bei uns katastrophal ist. Darüber kann auch die qualitativ gute Arbeit und die vermutlich den englischen Verhältnissen entsprechende gegenseitige Unterstützung nicht hinwegtrösten. Ob deutsche Kolleginnen und Kollegen ähnliche Sorgen benennen werden wie die bisher Befragten, bleibt abzuwarten. Den von ihnen geäußerten Wünschen kommt die Sektion Schulpsychologie im BDP durch aktive Teilnahme an den Internationalen Kolloquien, persönliche Kontakte und Mitarbeit in ISPA-Gremien und durch die Öffnung der von ihr veranstalteten Bundeskonferenz für Schulpsychologie und Bildungsberatung für ausländische Referenten/innen und Teilnehmer/innen entgegen.

Hermann Brezing

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