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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005

Geeignete und ungeeignete Wege zu mehr Beschäftigung

Gespräch mit Prof. Dr. Eberhard Ulich, Preisträger der Hugo-Münsterberg-Medaille 2005

Nach Angaben der Deutschen Angestellten-Krankenkasse ist die Anzahl der Krankheitsfälle wegen psychischer Erkrankungen bei ihren Mitgliedern in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu 1997 um 68% gestiegen. Entgegen dem sinkenden Trend bei den Arbeitsunfähigkeitstagen sind die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen gestiegen, sie liegen mittlerweile an vierter Stelle, sagt die DAK. Ein klares Zeichen für den immer größer werdenden psychischen Stress am Arbeitsplatz, oder ist das eine zu einfache Erklärung?

Ich denke, das ist ein Teil der Erklärung. Ein anderer Teil der Erklärung liegt zum Beispiel in prekären Arbeitsverhältnissen, also in so etwas wie Arbeit auf Abruf, in der Segmentierung von Kern- und Randbelegschaften, in Arbeitsformen wie Teleheimarbeit und Ähnlichem. Dabei entstehen bestimmte Formen psychischer Belastungen, weil die Regeln der Arbeitsgestaltung auf weiten Strecken nicht eingehalten werden.

Der Bericht besagt außerdem, dass die öffentliche Verwaltung – gefolgt vom Gesundheitswesen – den höchsten Krankenstand aufgrund psychischer Erkrankungen hat. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Nun gibt es Mediziner, die dies eher auf eine erhöhte Entdeckungsrate und größere Akzeptanz der Diagnose »Psychische Erkrankung« zurückführen. Außerdem hätten sich die diagnostischen Fähigkeiten der Hausärzte verbessert, und Menschen hätten heute eine geringere Hemmschwelle, psychische Erkrankungen anzusprechen. Sehen Sie das auch so?

Das mag durchaus stimmen. Aber was die Arbeitstätigkeiten von Frauen betrifft, wissen wir doch, dass sie häufig schlechter gestaltet sind als die von Männern, dass Frauen weniger häufig wirklich vollständige Arbeitsaufgaben zugewiesen bekommen, dass sie viel häufiger in prekären Arbeitsverhältnissen arbeiten müssen als Männer. Wenn Frauen keine gesundheitsfördernden Arbeitstätigkeiten haben und zusätzlich die Belastung durch Haushalt und Familie - bei womöglich noch fehlender partnerschaftlicher Unterstützung - besteht, ist es nahe liegend, dass höhere psychische Belastungen und entsprechende Krankheitsraten auftreten.

Bei der Beschäftigung mit Ihrem Werk gewinnt man den Eindruck, dass es kaum einen näher liegenden Preisträger für die Hugo-Münsterberg- Medaille gibt als Sie. Ähnlich wie Sie hat er seine Fragestellungen aus der Praxis abgeleitet und experimentelle Methoden zur Analyse von Arbeitsbedingungen eingesetzt. Und er hat mit seinen Untersuchungen das übergeordnete Ziel verfolgt, »das übervolle Maß seelischer Unbefriedigung an der Arbeit, seelischer Verkümmerung und Entmutigung aus der Welt zu schaffen«. Inwieweit hat die Beschäftigung mit Münsterberg Ihre Arbeit inspiriert oder angestoßen?

Gar nicht. Es tut mir Leid, wenn ich das so sagen muss. Münsterberg hat – wie auch andere zu seiner Zeit – die Position vertreten, dass die Psychologie von sich aus keine Normen und Werte setzen kann, sondern sie sich in den Dienst der jeweils gültigen Normen zu stellen habe. Davon möchte ich mich gerne distanzieren – bei aller Bewunderung für Hugo Münsterbergs Werk. Ich habe über Münsterberg übrigens auch erst nach meinem Studium mehr erfahren. Geprägt haben mich ganz andere Leute.

Wer?

Ich habe in meiner ersten Assistentenstelle meinen eigentlichen Lehrer gefunden. Er war Arbeitsmediziner und bis zu der Zeit, als ich bei ihm arbeiten konnte, wollte ich eigentlich Kinderpsychologe werden. Otto Graf, das war eben mein damaliger Chef am Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund, hat mir Werte vermittelt und mir Arbeiten durchzuführen erlaubt, die entscheidend dafür gewesen sind, dass ich Arbeitspsychologe geworden bin. Durch die Arbeit, die ich bei ihm machen konnte, habe ich überhaupt erst verstanden, was Arbeiterinnen und Arbeiter für ein Leben haben und was sie zu erfüllen haben, damit die Gesellschaft sich weiterentwickeln kann.

Gehört in diese Zeit die Untersuchung zur Nachtschichtarbeit, die Sie 1957 veröffentlicht haben?

Ja. Und für Otto Graf war es völlig selbstverständlich – ich wünschte mir, es wäre immer noch oder wieder selbstverständlich –, dass man bei Nachtschichtuntersuchungen die Arbeitenden nicht am Tag fragt, wie es ihnen in der Nachtschicht geht, sondern in die Nachtschicht mitgeht. Prägende Erlebnisse in der Nachtschicht Das habe ich immer wieder über viele Wochen getan. Wir sind mit den Arbeitern abends in die Fabrik gezogen und morgens mit ihnen wieder herausgekommen und haben dann am Tag unsere Arbeiten ausgewertet. Das waren sehr prägende Erlebnisse.

Was haben Sie in den Nächten dort in der Fabrik getan?

Wir haben Tätigkeitsbeobachtungen und physiologische Messungen durchgeführt und die Arbeitenden natürlich auch befragt. Diese und viele spätere Erfahrungen haben bis heute zur Folge, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter z.B. bei Spitaluntersuchungen mit den Ärzten ganze Schichten mitgehen, auch bis zu 36 Stunden, wenn es sein muss, und auch im Operationssaal, wenn es sich ergibt.

Sie haben das Netzwerk für sozial verantwortliche Wirtschaft 1999 mitbegründet und sind in seinem Vorstand. Das Netzwerk will nach eigenen Aussagen »dazu beitragen, die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung so auszurichten, dass alle Beteiligten dabei gewinnen«. Das klingt ziemlich idealistisch in einer Zeit, in der Forderungen nach weiterer Regulierung des Marktes unerwünscht erscheinen.

Das Netzwerk hat einige Positionsbestimmungen zu aktuellen Fragen in der Schweiz erarbeitet, zum Beispiel im letzten Jahr zum Rentenalter 67.

Was hat das Netzwerk zum Rentenalter 67 gesagt?

Wir haben zeigen können, dass das Rentenalter 67 allenfalls eine Kosten sparende, für viele betroffene Menschen jedoch keine vernünftige Lösung ist und deshalb als generelle Lösung nicht taugt.

Rente ab 67 als generelle Lösung macht keinen Sinn

Es macht doch keinen Sinn zu sagen: »Ihr kriegt eine Rente erst ab 67«, wenn Menschen z.B. aufgrund der durch die Arbeitsgestaltung erfolgten Voralterung mit 50 im Unternehmen sowieso nicht mehr toleriert werden.

Was würden Sie anstelle einer Erhöhung des Rentenalters vorschlagen?

Wir planen gerade mit einer Gruppe von Arbeitsmedizinern ein Projekt, in dem versucht wird, den Betrieb in einer stillgelegten Fabrik wieder aufzunehmen und Leute aus der Frühinvalidisierung zurückzuholen. An diesem Beispiel soll geprüft werden, ob Menschen nicht manchmal zu früh invalidisiert werden und ob sie, wenn wir die Arbeit entsprechend gestalten, diese nicht auch dann weiterhin verrichten können, wenn sie nicht mehr ganz so leistungsfähig sind. Eine weitere Alternative sehe ich in differenzierenden Arbeitszeitmodellen. Vielfältige Erfahrungen zeigen doch, dass etwa ein gleitender Übergang in den Ruhestand eine für viele Menschen sinnvolle Lösung darstellt.

Wir werden in Deutschland möglicherweise ab Herbst eine Regierung haben, die eher in die andere Richtung gehen wird. Eine Regierung, die darüber nachdenkt, die Wochenarbeitszeit und die Lebensarbeitszeit zu verlängern, vielleicht auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu kürzen, den Kündigungsschutz zu lockern. Welche Folgen kann das in Ihren Augen haben?

Zunächst einmal kann ich mir nicht vorstellen, wie man durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit Wachstum ankurbeln können soll, wenn gleichzeitig einige Millionen Menschen arbeitslos sind. Und dass die Zahl der Wochenarbeitsstunden verlängert werden soll, um dadurch wettbewerbsfähiger zu werden, kann ja allenfalls gelten, wenn die Löhne trotz Arbeitszeitverlängerung gleich bleiben und Arbeit dadurch billiger wird. Im Übrigen gibt es genügend Beispiele, die belegen, dass mit Reduzierungen von Arbeitszeiten und Arbeitstagen pro Woche sowohl die Produktivität gesteigert als auch allgemein die Gesundheit verbessert werden kann. Der Kollege Nachreiner hat erst kürzlich wieder deutlich gezeigt, dass Verlängerungen der Arbeitszeiten mit einer Vermehrung von Belastungen und gesundheitlicher Beeinträchtigung verbunden sind. Das weiß man alles, man kann das nachlesen, und das würde ich auch erwarten.

Fühlen Sie sich als Rufer in der Wüste?

Nein. Wir haben ja in einigen Unternehmen in der Schweiz beschäftigungsfördernde Arbeitszeitmodelle in die Diskussion gebracht, zum Beispiel bei der Schweizer Post, in verschiedenen Spitälern oder bei einem Bauunternehmen, das sonst 20% der Mitarbeitenden hätte entlassen müssen. Wir haben dort im Sinne von Feldexperimenten Modelle einführen können wie z.B. das von der Post so genannte Solidaritätsmodell. Da haben jeweils drei Postleute ihre Arbeitszeit um 25% reduziert und dafür eine vierte Person aufgenommen. Das sind Beispiele, die nachweislich beschäftigungswirksam gewesen sind. Wir haben außerdem daran mitwirken können, dass im schweizerischen Arbeitsgesetz eine Experimentierklausel eingefügt wurde, die das Experimentieren mit solchen Zeitmodellen erlaubt.

Im Jahr 2001 haben Sie in Basel Lehrerinnen und Lehrer hinsichtlich ihrer erlebten Arbeitsbelastung untersucht. Dabei ist herausgekommen, dass jede fünfte Lehrkraft aufgrund erlebter Arbeitsbelastung oder wegen der Arbeitsbedingungen in ihrer Arbeit zeitweilig beeinträchtigt war, und 30% zeigten Merkmale von Burnout. Als eine der Maßnahmen wurde eine psychologische Beratungsstelle eingerichtet. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht? Hat sich die psychologische Unterstützung positiv ausgewirkt?

Die Einrichtung von Kriseninterventionsstellen wird als erhebliche Entlastung erlebt. Außerdem wurde aufgrund unserer Untersuchungen den einzelnen Schulen ein Entlastungskontingent zugewiesen, das Lehrkräften zugute kommt, die besonderen Belastungen ausgesetzt bzw. erkennbar überbeansprucht sind. Das hat sehr geholfen. Erst kürzlich wurden auch Regeln für die Einführung von Sabbaticals entworfen. Auch konnten wir eine Diskussion darüber anstoßen, ob der Beruf einer Lehrkraft unbedingt ein Lebensberuf sein muss und was eine Änderung für die Lehrerbildung bedeuten würde.

Außenstehende unterschätzen Belastung von Lehrern

Ganz wichtig ist schließlich, dass aufgrund dieser Analysen das Budget der Erziehungsdirektion, also des Kultusministeriums, in den folgenden zwei Jahren nicht wie alle anderen Budgets gekürzt wurde. Im Übrigen konnten wir als Folge dieser Untersuchung anschließend eine sich über sechs Jahre erstreckende Längsschnittstudie in einem anderen Kanton starten.

71% der von Ihnen befragten Lehrer fühlen sich stark bis sehr stark durch das Verhalten schwieriger Schüler belastet. Das kennt man auch aus Deutschland, vor allem aus Schulen mit sehr hohem Ausländeranteil. Als Außenstehender fragt man sich, wie das kommt, dass Lehrer sich so belastet fühlen, wo sie doch eigentlich lange Phasen unterrichtsfreier Zeit haben, in denen sie sich regenerieren könnten.

Ich denke, das ist ein sehr typisches Merkmal bestimmter Arten von personenbezogenen Dienstleistungen. Die Belastung und auch die daraus resultierende emotionale Erschöpfung entstehen ganz offensichtlich durch die dauernd geforderte Zuwendung und Auseinandersetzung. Wenn man dann noch daran denkt, dass Lehrkräfte so wie auch Pflegepersonal oder Ärzte ständig ihre Gefühle regulieren müssen, ist das eine Belastung, die von Außenstehenden enorm unterschätzt wird.

Beim Deutschen Psychologentag werden zwei Deutsche geehrt, die beide ihre Wirkungsstätte in der Schweiz gefunden haben: Der eine sind Sie, der andere ist der vor kurzem verstorbene Prof. Klaus Grawe aus Bern. Ist das Zufall, oder hat die Schweiz Ihnen Möglichkeiten geboten, die Sie in Deutschland nicht hatten?

In Köln, wo ich herkam, hatte ich vergleichsweise schon sehr gute Arbeitbedingungen. Aber so gute Arbeitsbedingungen, wie ich sie an der ETH Zürich gehabt habe, vor allem was die Ausstattung betraf und die Möglichkeiten, experimentell zu arbeiten, hätten meine Mitarbeiter und ich nirgendwo anders haben können. Ein großer Vorteil war auch der von grundsätzlichem Vertrauen geprägte, unbürokratische Umgangsstil, den ich an deutschen Hochschulen in dieser Form nie erlebt hatte.

In einem Beitrag von Ihnen zum Thema »Zeit für Familien« habe ich gelesen, dass Sie den Begriff »work life balance« zwar für eingängig, aber auch für sachlich falsch und irreführend halten. Was mögen Sie an dem Begriff nicht?

Der Begriff ist insofern irreführend, als er eine Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben nahe legt. Arbeit ist aber ein zentraler Bestandteil des Lebens!

Haben Sie einen besseren Begriff?

Der Begriff, den ich jetzt benutze, auch in der neuen Auflage der Arbeitspsychologie, ist »life domain balance«, also »Balance zwischen Lebensbereichen«. Der Begriff »work life balance« suggeriert außerdem, dass Arbeit nur im Erwerbsbereich stattfindet. Arbeit findet aber auch außerhalb des Erwerbsbereichs statt, z.B. als Haus- und Familienarbeit oder gemeinnützige Tätigkeit.

Sie haben in einem Interview das St. Gallener Schulgesetz gelobt, weil dort neue Lernziele wie Lebensfreude und Muße erwähnt werden, und das als einen echten kulturellen Fortschritt bezeichnet. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Ich denke, unsere Schulen laufen Gefahr, von der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen dominiert zu werden, d.h. dass Schülerinnen und Schüler zu funktionsfähigen und wettbewerbsorientierten Individuen erzogen werden. So etwas wie Teamarbeit findet immer noch viel zu wenig statt.
Schon in den 1970er Jahren haben Untersuchungen gezeigt, dass der »Arbeitstag« eines zehnjährigen Schülers dem eines Industriearbeiters vergleichbar ist. Menschen müssen aber sehr früh auch damit umgehen lernen, dass sie Zeit für sich haben und diese sinnvoll gestalten können. Es ist sehr schwer, das später zu lernen. Und Lebensfreude, ja! Vielleicht bin ich auch deswegen von diesen Lernzielen so angetan, weil ich selbst an Schule keine besonders gute Erinnerung habe. Aber, um kein Missverständnis entstehen zu lassen: Im St. Galler Schulgesetz ist selbstverständlich auch von Leistung und Zusammenarbeit die Rede.

Wo sehen Sie Berufsfelder für junge Kollegen, die von dem Thema fasziniert sind oder über Ihre Bücher darauf gestoßen sind?

Ein großer Bedarf besteht im Bereich Arbeitsgestaltung sowie im Bereich Arbeit und Gesundheit. Allerdings gibt es noch keine befriedigende Ausbildung in betrieblichem Gesundheitsmanagement, da sehe ich ein neues Feld, auf dem sich auch Kooperationen mit Arbeitsmedizinern auftun könnten.

Wo sehen Sie die Chancen der neuen, sehr flexiblen Arbeitsgestaltungsformen und Kommunikationsmöglichkeiten?

Es gibt durchaus Chancen, wenn man das normative Moment dabei nicht außer Acht lässt. Das heißt, dass Flexibilisierung zu befürworten ist, wenn sie von den Betroffenen unter Beachtung von Regeln autonom genutzt werden kann. Dass dies aber auch zum Problem werden kann, zeigt das Beispiel der Vertrauensarbeitszeit. Dieser Begriff ist ein reiner Euphemismus. Den Leuten wird gesagt: »Macht, was ihr wollt, aber seid produktiv!« Das führt in vielen Fällen zu neuen Formen der Selbstausbeutung.

Autonomie nur auf Arbeitgeberseite funktioniert nicht

Dem liegt eine Vorstellung von Autonomie zugrunde, die grenzenlos ist. Das Gleiche gilt für die Flexibilität. Was wir brauchen, ist eine geregelte Autonomie. Wenn Flexibilität im Rahmen geregelter Autonomie verwirklicht werden kann, dann sehe ich darin sehr große Chancen. Wenn die Autonomie aber einseitig auf der Arbeitgeberseite liegt und damit die Planbarkeit des Tages und der Woche in Frage gestellt wird, dann kann das ohne nachteilige Auswirkungen auf Dauer nicht funktionieren.

Es gibt immer weniger Arbeitsplätze und immer mehr Arbeitslose. Ein liberaler Wirtschaftspolitiker würde vielleicht sagen, es ist Luxus, sich heutzutage um humane Arbeitsbedingungen zu kümmern. Menschen können froh sein – und sind es auch –, wenn sie einen Job kriegen. Was würden Sie ihm sagen?

Wahrscheinlich würde ich diese Leute erst einmal einigermaßen verständnislos anschauen und sie fragen, was sie eigentlich für ein Menschenbild haben. Das ist ein zynisches Menschenbild, würde ich ihnen auch sagen. Und ich würde ihnen das rational, jenseits des Menschenbildes, begründen – durch die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen, die eine solche Einstellung nach sich zieht. Ich denke, dafür gibt es genügend Beispiele, die man anführen kann (hält inne). Schlimm, aber Sie haben Recht, das passiert. Und übrigens: Ich habe in Report Psychologie auf dem Weg hierher gelesen, ich sei Anhänger einer Lobkultur. Das bin ich nicht. Ich bin für die Kultur einer Wertschätzung, und das ist nicht einfach Lob. Dass ein Lob dazugehören kann, ist wohl wahr. Wertschätzung ist aber mehr, und wir wissen, dass ein Mangel an Wertschätzung zu Gratifikationskrisen führen kann, mit den bekannten gesundheitlichen Risiken. In diesem Zusammenhang spielen aber natürlich auch Fragen der Lohngerechtigkeit und der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten eine bedeutsame Rolle.

Das Gespräch führten Armin Traute und Gerald Maier

Aus: Report Psychologie 9/2005

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