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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005 Ich bin kein Anhänger von WahrheitenGespräch mit Prof. Dr. Klaus Grawe, Institut für Psychologie der Universität Bern Wir führen dieses Gespräch in Hamburg, wo Sie geboren sind und regelmäßig referieren. An der Universität in Hamburg wird jetzt ein Lehrstuhl für Gesprächstherapie abgeschafft. Als Wissenschaftler könnte man sagen, das sei eigentlich sogar richtig. Professuren sollten einem Gegenstand gewidmet werden, nicht einem bestimmten inhaltlichen Ansatz. Wissenschaft soll dazu dienen, über die bestehenden Ansätze hinauszuführen. Wer immer einem bestimmten Ansatz verpflichtet bleiben und ihn vor Infragestellung schützen will, gehört gar nicht auf eine Professur. Es gilt, in der psychologischen Forschung etwas über den Menschen herauszufinden. Wenn das dem widerspricht, was bisher als richtig galt, muss ein Wissenschaftler sich frei fühlen, das alte Wissen zu revidieren und seine Auffassung zu ändern. Es widerspricht dem Wesen echter Wissenschaft, einer Professur den Denkrahmen vorzugeben, in dem sie sich zu bewegen hat. Insofern bin ich froh, wenn nicht wieder ein Lehrstuhl für Gesprächspsychotherapie ausgeschrieben wird. Aber die Universität Hamburg hätte den Lehrstuhl nicht abschaffen, sondern inhaltlich anders definieren sollen. An einer großen Universität wie Hamburg besteht an und für sich ein großer Bedarf nach wissenschaftlich betriebener Klinischer Psychologie. Der Nachwuchs sollte eben nicht im Denken in Therapieschulen stecken bleiben, und gerade dazu hätten die Lehrstühle an den Universitäten einen wichtigen Beitrag zu leisten. Auch Psychoanalytiker beklagen, dass sie immer weniger Lehrstühle in der Psychologie haben. Gerade diese Klagen zeigen, warum sie diese Lehrstühle nicht haben. Wer die Antworten auf die zu untersuchenden Fragen schon in der Psychoanalyse gefunden zu haben glaubt, gehört nicht an die Universität. Jeder von vornherein als psychoanalytisch definierte Lehrstuhl an einer Universität ist einer zu viel. Wenn Psychoanalytiker sogar Geld sammeln, um mit einer privat finanzierten Studie nachzuweisen, dass das, wovon sie ohnehin überzeugt sind, stimmt - das haben sie wirklich getan -, dann zeigt das einfach nur, dass sie absolut nicht begriffen haben, was eine wissenschaftliche Studie ist. Solche Legitimationsforschung hat rein gar nichts mit echter Wissenschaft zu tun, weil sie schon vom Ansatz her nicht zu neuen Erkenntnissen führen kann. Aber das soll sie ja auch gar nicht. Allein die Existenz dieser Studie zeigt, dass es richtig ist, nicht auch noch öffentliche Mittel für solche überflüssige, dem Wesen der Wissenschaft widersprechende Legitimationsforschung zur Verfügung zu stellen. Ein psychoanalytischer Lehrstuhl ist in meinen Augen ein Widerspruch in sich, er ist auf jeden Fall ein gesellschaftlicher Missstand. Wissenschaftler haben die Aufgabe, für die Gesellschaft neue Erkenntnisse zu gewinnen. Freud in Ehren, wir schätzen auch Einstein, aber das hindert echte Wissenschaftler nicht daran, eine Stringtheorie zu entwickeln, die über ihn hinausführt. Wann haben Sie angefangen, sich von den Therapieschulen zu verabschieden und die Einteilung in solche Schulen in Zweifel zu ziehen? Das ist schon sehr lange her. Ich habe meine Laufbahn hier in Hamburg begonnen in einer psychiatrischen Klinik und habe mehrere Therapieausbildungen absolviert. Bereits in dieser Zeit ist für mich klar geworden, dass man bei jeder Ausbildung etwas dazugewinnt. Gestört hat mich das Ideologische daran. Wenn man mit Menschen zu tun hat, dann merkt man rasch, dass verschiedene Menschen verschiedene Herangehensweisen brauchen. Ich bezweifelte stark, dass irgendeine Therapierichtung schon so früh nach der Entstehung der Psychotherapie den Stein der Weisen gefunden haben sollte. Außerdem arbeitete ich auf einer Psychotherapiestation mit gemischter Orientierung. Da gab es Psychoanalytiker und Gesprächstherapeuten; die Verhaltenstherapie entwickelte sich gerade. Das gefiel mir, ich hatte nie das Bedürfnis, in der Psychotherapie etwas zu finden, woran ich glauben kann. Das hätte Ihre private Haltung sein und bleiben können, stattdessen taten Sie alles, um Ihre Auffassung wissenschaftlich zu untermauern. Warum? Man wird doch nicht so ganz zufällig zum Enfant terrible der Psychotherapie. Ich habe nie nur Psychotherapie gemacht, sondern meine therapeutische Tätigkeit immer mit Forschung verbunden. Ich bin vom Herzen her Forscher. Forschung macht man, um die Ergebnisse mitzuteilen, das ist der Sinn. Es ging mir also nicht darum, mich gegen etwas oder jemanden zu stellen. Dass meine Ergebnisse zu dieser Konfrontation mit einigen geführt haben, war unvermeidlich, nachdem ich in meinen eigenen Untersuchungen teilweise etwas anderes herausgefunden hatte, als was bis dahin in der Literatur stand. Dort stand, dass sich die Therapieformen in ihrer Wirkung nicht unterscheiden. Das stimmte weder nach meinem klinischen Eindruck noch nach meinen eigenen Forschungsergebnissen. Zwar erreichte man mit allen Therapien Besserungen, aber mit jeder auf eine ganz andere Weise. Ein psychoanalytisch gebesserter Patient ist nach der Therapie anders als ein verhaltenstherapeutisch gebesserter Patient; das sind qualitative Unterschiede, die sich nicht in mehr oder weniger Wirkung messen lassen. Auch einen Vergleich zwischen Rembrandt und Picasso kann man nicht auf ein »Mehr oder Weniger« in bestimmten vorgegebenen Kriterien beschränken? Die Frage nach der Wirksamkeit von Psychotherapie auf ein »Mehr oder weniger« in der mittleren Wirkung zu reduzieren, ist aus meiner Sicht ein Irrweg. Ich konnte nicht glauben, dass es Hinweise auf qualitative Wirkungsunterschiede nur in meinen eigenen Untersuchungen gab. Deshalb habe ich Anfang der 80er Jahre begonnen, auch die Arbeiten anderer Untersucher sehr sorgfältig zu lesen. Mitte der 80er Jahre habe ich das dann angesichts der immer riesiger werdenden Studienzahl systematisiert und eine sehr große Untersuchung aller je durchgeführten Therapiestudien auf der Welt (3000 Stück) initiiert. Ich wollte endlich wissen, was der wirkliche Forschungsstand zur Wirkung von Psychotherapie war. Ungefähr 20 Forscher waren an dieser Analyse beteiligt, die etwa zehn Jahre in Anspruch nahm. Eigentlich habe ich diese Art Bucherhalterarbeit gehasst. Aber die Ergebnisse waren interessant. Ich habe sie in einem dicken Buch zusammengefasst, das sehr viel Aufsehen erregt hat. Sein Untertitel lautete: »Von der Konfession zur Profession«. Das musste viele Kollegen provozieren. Das tat es, aber genau so stellte sich mir die Lage dar. Die Psychotherapie war voll von überzeugten Anhängern, aber Überzeugung reicht nicht aus, um Profi zu sein. Ich war zu diesem Zeitpunkt von der deutschen Bundesregierung zum Gutachter bestellt worden, um zusammen mit anderen das Psychotherapeutengesetz vorzubereiten. Meine Ergebnisse flossen in diese Arbeit ein. Was allerdings am Ende herauskam, war etwas ganz anders, als mir vorgeschwebt hatte. Es ist mir damals nicht gelungen, in der Gutachtergruppe - wir waren zwei Psychoanalytiker, ein Wirtschaftsfachmann, ein Jurist und ich - durchzusetzen, was ich für richtig hielt, nämlich den Abschied von den Richtungen in der Psychotherapie. Wir mussten einen gemeinsamen Vorschlag vorlegen, und meine Kollegen hielten das für verfrüht, obwohl es aufgeklärte Analytiker waren. So kam es, dass doch von zwei großen Strömungen der Psychotherapie gesprochen wurde: eine, die aus der empirischen Psychologie kommt, und eine, die aus der Psychoanalyse kommt. Ich war mit diesem Teil des Gutachtens von daher unzufrieden und habe meine ureigene Sicht dann in dem genannten Buch publiziert. Das haben viele Leute als Verrat empfunden. Wie sind Sie mit der massiven Kritik einiger Kollegen umgegangen? Ich hatte mein ganzes Berufsleben lang mit Psychoanalytikern und anderen Therapeuten zusammengearbeitet. Es hatte gemeinsame Forschungsprojekte gegeben. Ich war daher irritiert, wie einige dieser Kollegen auf die Veröffentlichung meiner Forschungsergebnisse reagierten. Sie hatten die Schärfe der Reaktion nicht erwartet? Nein, ich hatte gedacht, die Ergebnisse würden mit Interesse aufgenommen werden. Stattdessen wurden sie zum Teil mit Heftigkeit bestritten, man warf mir Inkompetenz vor und nannte mich einen Dilettanten; es ging so weit, dass Leute, mit denen ich glaubte, befreundet zu sein, mir nicht mehr die Hand gegeben haben. Ich bin auch physisch angegriffen worden auf Veranstaltungen. Potenziell gelte ich immer noch als gefährlich Man sieht aber daran nur, dass das mit der Konfession stimmte. Für viele
war die Psychoanalyse eine geistige Heimat, eine Art Religionsersatz geworden. Wie sehr unterscheidet sich die Situation von Psychotherapie und Psychotherapeuten in der Schweiz und in Deutschland? Ich bin seit 26 Jahren in der Schweiz. Dort ist alles weniger reguliert als in Deutschland. Die Bürger sind gewohnt, für sich selbst aufzukommen, und hegen diesbezüglich weniger Erwartungen an den Staat. Deswegen existiert auf dem Gebiet der Psychotherapie in der Schweiz eine große Vielfalt oder auch ein Wildwuchs. Es konnte sich alles entwickeln. Jeder der über 20 Kantone hat eine eigene Verordnung, wie man mit der Psychotherapie umzugehen hat. Regelungsdichte in Deutschland würde Schweizer auf die Barrikaden bringen Die hohe Regelungsdichte, die sich in Deutschland entwickelt hat, ist in der Schweiz undenkbar - das würde einen Aufstand geben. Die Vorstellung, dass weit weg irgendeine Bundesbehörde entscheiden könnte, was gute Psychotherapie ist, löst unter Schweizern starken Widerstand aus. Die wichtigen Therapierichtungen sind alle anerkannt. Ausbildung in einer oder mehrerer von ihnen ist möglich. Wir können de facto Patienten so behandeln, wie wir das für richtig halten. Qualität über Ausbildung sichern - nicht nachträglich Mit der Zeit wäre es durchaus wünschenswert, die Verhältnisse auf dem Gebiet der Psychotherapie etwas stärker an der tatsächlich nachgewiesenen Wirksamkeit zu orientieren, aber ob der richtige Weg dafür die deutsche Regelungswut ist, das bezweifle ich. Auch ohne diese kommt es nicht zum Chaos, solche Systeme regeln sich von selbst. Und das funktioniert? Qualität ohne Qualitätskontrolle? In meinen Augen muss man Qualität nach vorne regeln, nicht nachträglich. Man muss dafür sorgen, dass die Behandler sehr gut ausgebildet sind. Was sie lernen, muss auf guten wissenschaftlichen und klinischen Füßen stehen. Experten können sich darüber einigen, was heute als verbindlicher Wissensstoff angenommen werden kann, dafür muss man dann auch Kriterien haben, das darf nicht nur Behauptung sein, sondern es muss auch in Zweifel gestellt und untersucht worden sein. Der BDP setzt sich für Methodenvielfalt ein und verlangt, dass der wissenschaftliche Beirat mindestens die Gesprächstherapie künftig zulässt. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen jedoch nicht darum, jetzt noch ein Verfahren oder zwei mehr zuzulassen, sondern diese Aufteilung in Schächtelchen aufzulösen. Richtig? Richtig. Ein Verfahren mehr wäre überhaupt nicht das, was ich möchte. Was die Befürworter der Methodenvielfalt wollen, ist eigentlich, dass der Zustand von vorher wieder hergestellt wird, aber nun offiziell anerkannt. Ich finde es dagegen gut, dass es dieses Nadelöhr jetzt gibt, um den Wildwuchs auszuschalten; das war vorher wirklich unerträglich. Jeder Scharlatan konnte alles machen, was er wollte, und dann noch von der Gemeinschaft finanziert. Dass versucht wurde, Mindeststandards zu setzen, finde ich vernünftig. Nur ist der wissenschaftliche Beirat wissenschaftlich nicht wirklich konsequent vorgegangen. Wäre er das, hätte wohl die tiefenpsychologische Therapie, nicht aber die Psychoanalyse anerkannt werden können. Noch konsequenter wäre gewesen, die Orientierung an Therapierichtungen ganz aufzugeben. Aber der Beirat hat eben auch nach politischen und nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden. Er hat de facto die beiden stärksten Richtungen geschützt und für die anderen eine hohe Hürde aufgestellt. Das liegt natürlich auch daran, dass in dem Beirat vor allem Vertreter dieser beiden Richtungen sitzen. Statt Methodenvielfalt weg von den Methodenschubladen Meine Vorstellung geht dahin, Therapiemethoden nicht länger als Orientierungsgesichtspunkt zu nehmen, aber auch nicht Störungen allein. Es gibt eine Reihe verbindlicher, empirisch validierter Perspektiven, die ein Psychotherapeut fachlich kompent einnehmen können sollte. Dazu gehören die Störungs- und die Beziehungsperspektive, die motivationale, die Entwicklungs- und die Ressourcenperspektive. Sie alle sind für die Psychotherapie ganz unverzichtbar. Zu jeder gibt es enorm viel Wissen. Das ist bisher verteilt auf verschiedene Therapierichtungen, aber um diese Perspektiven herum gibt es zunehmend verbindlichen Wissensstoff und auch Know-how. Ich meine, Ausbildungsinstitutionen müssten zu jeder dieser Perspektiven etwas zu bieten haben, und wenn sie eine davon ganz weglassen, dann machen sie sich einer rational nicht begründbaren Ausblendung schuldig. Darauf könnte zum Beispiel der wissenschaftliche Beirat sich konzentrieren und überprüfen bzw. einfordern, dass dieses Wissen vermittelt wird. Dann würden wir immer noch eine Vielfalt haben durch unterschiedliche Methoden und Personen in den Instituten, und zudem hätten wir, was immer gut tut: Konkurrenz. Dann würden die Leute mit den Füßen über die Qualität der Institute abstimmen. Einige Ausbildungsinstitute oder Verbände würden einen guten Ruf kriegen, andere verschwinden. So ließe sich nach vorne hin Qualität erzeugen, statt nachträglich zu kontrollieren. Wäre eine solche Vorgehensweise in Deutschland rechtlich überhaupt möglich? Würde ein Ausbildungsinstitut, wie Sie es beschreiben, überhaupt eine Zulassung erhalten? Niemand verbietet den Instituten, mehr zu vermitteln, als sie es jetzt tun, und sich konsequent an den Forschungsergebnissen zu orientieren. Und das wird meines Erachtens auch zunehmend geschehen. Das Label ist egal, solange die Qualität stimmt. Dann hätten wir bei den Instituten eine ähnliche Situation wie in manchen Praxen. Es würde - um den Gesetzgeber zufrieden zu stellen - etwas anderes deklariert, als tatsächlich gemacht wird. Ja, das ist doch ein durch unsinnige Regelungen produzierter Missstand. In Lindau gibt es Kurse darüber, wie man Gutachten macht, damit sie anerkannt werden. Da wird ganz eindeutig vermittelt, das Gutachten ist das eine, und das, was du mit dem Patienten machst, ist das andere. Jedes Kontrollsystem wird auf jeden Fall unterlaufen. Deswegen muss man lieber mit den Kräften des Systems arbeiten. Sehen Sie trotzdem immer noch erhebliche Nachteile für Patienten, solange das so geregelt ist, wie es jetzt geregelt ist, oder anders gefragt: Könnte die Qualität von Psychotherapie nicht viel besser werden? Sie könnte besser sein. Es ist ja heute oft noch so, dass für den einzelnen Patienten nicht alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Wenn man jetzt bei einem Therapeuten mit einer bestimmten Richtung landet, zieht dieser seine Möglichkeiten in Betracht. Die menschliche Seele richtet sich nicht nach Therapierichtungen Dass man entweder der einen Richtung oder der anderen zugewiesen wird, leuchtet nicht ein; warum soll denn die menschliche Seele sich nach Therapierichtungen aufspalten? Von daher wäre es besser, ein Therapeut würde sich einen Patienten ansehen und fragen: »Was ist denn jetzt für den die beste Vorgehensweise? Wo könnte man am besten ansetzen, um in seinem Leben eine Veränderung herbeizuführen?« Das ist auf dem jetzigen Stand möglich. Man muss den jetzigen Ausbildungsinstituten nur freie Bahn geben und sie nach ein paar Jahren erneut überprüfen. Dann würden etliche würden sofort anfangen, besser zu werden. Sie würden nicht alle esoterisch werden, sondern sie würden sich um eine Wirksamkeitssteigerung bemühen. Wer gibt ihnen freie Bahn? Wessen Initiative ist Ihres Erachtens gefragt? Die der Verbände, die des Gesetzgebers oder eventuell der Kammern? Es braucht Akteure im Ausbildungs- und Versorgungssystem, die bereit sind, neue Wege, - weg von den Therapieschulen - zu gehen, und die genügend Einfluss haben, auch andere auf diese Wege zu führen. Auf die Kammern setze ich eine gewisse Hoffnung. Sie vereinen Therapeuten unterschiedlicher Orientierung, und ich glaube, die sind durchaus nicht alle engstirnig. Wäre das der endgültige Abschied von der Konfession? Schließlich würden die Ausbildungsinstitute der Zukunft keine Glaubenssätze mehr vermitteln. Vorsicht, weil sich zur Psychotherapie viele Menschen hingezogen fühlen, die Orientierung suchen, wird das immer wieder eine Gefahr sein. Die kleinen Gurus, die gibt es halt. Auch bei einigen der Therapeuten, die ich selbst ausgebildet habe, sehe ich Tendenzen, sich guruhaft zu entwickeln. Aber das ist auch in anderen Bereichen so, denken Sie an den Sport oder die Unterhaltungsbranche. Das ist aber auch nicht schlimm, solange es Akkreditierungsinstanzen gibt, die solche Tendenzen bändigen. Wie lange dauert es in der Schweiz, bis jemand sagen kann: Ich bin »Psychotherapeut«? Auch bei uns folgt die vierjährige Psychotherapeutenausbildung auf das Psychologiestudium. Allerdings können die Teilnehmer während dieser Zeit gegen Bezahlung arbeiten. Sie müssen halt ihre Fälle nachweisen und ihr Psychiatriejahr machen. Wann sie das machen, ist ihnen freigestellt. Aber im Prinzip dauert es auch in der Schweiz insgesamt rund zehn Jahre. In Deutschland herrscht für PiA ja im Moment eine reine Ausbeutungssituation, das ist in der Schweiz in der Regel nicht so. PiA verdienen bereits während der Ausbildung Geld, und ihr Einkommen wächst mit fortschreitender Ausbildung. Wer solche Regelungen wie in Deutschland auf dem Papier schafft, muss eigentlich auch die materielle Grundlage gestalten, auf der Leute die Ausbildung dann absolvieren können. Besteht die Gefahr, dass es in der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Situation eher zu Verschlechterungen kommt, als dass sich das, was Sie so schön beschrieben haben, entwickeln könnte? Ja, die sehe ich durchaus, auch über die Psychotherapie hinaus. In Deutschland reagiert man auf Bedrängnisse und Not in der Regel mit mehr Kontrolle. Das entspricht einfach nicht der Lebenserfahrung, auch nicht der Erfahrung anderer Völker. Man kann anders damit umgehen, indem man die Ressourcen mobilisiert, Freiheit gewährt. Schon der Behaviorismus hat sich zu Tode gesiegt. Stattdessen droht bei uns eine Manualisierung der Psychotherapie. Ich habe nichts gegen Manuale an der richtigen Stelle. Manuale sind zum Lernen
eine sehr nützliche Sache. Ich erlebe das bei den Psychotherapeuten in
der Ausbildung. Sie lieben die Manuale am Anfang, weil sie Handlungssicherheit
geben und Erfahrungswissen vermitteln. Je besser ich ausgebildet bin, je mehr
Sachen ich mir zutraue als Therapeut, umso mehr kann ich Therapie jenseits von
Manualen kreativ entwickeln und auf den Patienten und die Situation zuschneiden. Ich habe mich in den vergangenen Jahren stark mit Neurowissenschaften beschäftigt.
Es ist ganz eindeutig: Psychische Störungen entstehen nicht aus heiterem
Himmel. Das Gehirn formt sich lebenslang, bis es irgendwann solche Verhaltens-
oder Erlebnisweisen hervorbringt wie Halluzinationen oder so etwas. Das geschieht
nicht aus heiterem Himmel, sondern das Gehirn ist vorbereitet, Schritt für
Schritt vorbereitet, und es entwickelt sich unter dem Einfluss konkreter Lebenserfahrung
zu seiner gegenwärtigen Struktur. Deswegen muss man die Lebenserfahrungen,
die gegenwärtigen und die aus der Vorgeschichte, in die Therapie einbeziehen.
Lebenserfahrungen gewinnen ihre Bedeutung aus dem, was dem Individuum zu diesem
Zeitpunkt wichtig ist. Sie haben immer einen Bezug zu seinen Motivationen. Den
Motivationsgesichtspunkt auszuklammern, also Störungen loszulösen
vom motivationalen Geschehen, das ist in meinen Augen mit dem wissenschaftlichen
Ergebnisstand nicht vereinbar. Kommen Sie noch zu psychotherapeutischer Arbeit? Seit ein paar Jahren mache ich das nicht mehr, hauptsächlich wegen der Unzumutbarkeit für die Patienten. Ich bin einfach zu viel unterwegs. Aber ich habe nach wie vor sehr viel zu tun mit der Praxis durch meine große Ambulanz. Sie werden beim Kongress für Angewandte Psychologie im Herbst für Ihr Lebenswerk mit dem Großen Georg-Gottlob-Preis geehrt. Mein Eindruck ist: Dies Lebenswerk ist noch lange nicht vollendet. Nein, sicher nicht. Auf die Frage - um ein Beispiel zu nennen: »Wie wirkt Psychotherapie?«, gebe ich alle paar Jahre ganz neue Antworten, und das soll auch so bleiben. Und wenn ich sie nicht mehr gebe, werden hoffentlich andere das tun. Auszeichnung mit dem Großen Georg-Gottlob-Preis Ich bin eben wirklich kein Anhänger von Wahrheiten, weil Wahrheiten etwas von Menschen Gemachtes sind. Menschen verändern sich, die Gesellschaft tut es auch und ebenso die Gehirne. Es ist in meinen Augen nur wünschenswert, dass ich mit dem heute Gesagten in zehn Jahren nicht mehr Recht habe. Das soll mich jedoch nicht hindern, mein Wissen von heute in praktikable Vorgehensweisen umzuwandeln. Ich habe eine Theorie; Konsistenztheorie nenne ich sie. Das ist für mich ein nützliches Denkgebilde, eine gute Grundlage für die Arbeit. Sie ist bereits nützlich gewesen, um neue Fragen zu generieren, aber ich bilde mir nicht ein, dass sie überdauern wird, und sie sollte es auch nicht, jedenfalls nicht zu lange. Mit welchen Gedanken fahren Sie nach Potsdam? Ich habe mich nie sehr darum gekümmert, was die anderen von meiner Arbeit halten. Aber ich schätze das, was Frau Gottlob macht, wie sie einen schweren Schicksalsschlag in eine ganz mächtige Antriebsquelle umwandelt. Deshalb nehme ich den Preis gerne an. Dort referieren, wo die Praktiker sind - beim Psychologentag in Potsdam? Ich bin außerdem gebeten worden, gemeinsam mit Mitarbeitern einen Nachmittag zu gestalten. Wir werden dort unsere neuesten Entwicklungen vorstellen - eine Mischung aus Praxisbezug und neuen Forschungsergebnissen. Das Wort »Professor« heißt: verkünden, nach außen tragen. Seine gesellschaftliche Funktion ist es, glaube ich, dass er seine Erkenntnisse auch öffentlich macht, und zwar denen, die etwas damit anfangen können. Ich gehe deshalb gern dorthin, wo die Praktiker sind. Wir Wissenschaftler werden den Eingang in die Praxis nicht finden, wenn wir nur für den engen Zirkel der Wissenschaft arbeiten und publizieren. Das Gespräch führte Christa Schaffmann.
Posthume Verleihung des Großen Georg-Gottlob-Preises [ Übersicht ] |
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