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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005 Biographische Hintergründe und Motivationen fremdenfeindlicher Gewalttäter in DeutschlandIn einem interdisziplinären Forscherteam wurden die situativen und biographischen Bedingungen für fremdenfeindliches Gewalthandeln junger Menschen untersucht, um Vorschläge für potentielle Prävention und Intervention ableiten zu können. Dipl.-Psych. André Knote & Prof. Dr. Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität Jena stellen die Ergebnisse beim Psychologenkongress in Potsdam vor. Als Datenbasis liegen 105 vier- bis sechsstündige Interviews mit Inhaftierten vor, die wegen fremdenfeindlichen Gewalttaten verurteilt wurden. Dabei wurden qualitative und quantitative Verfahren kombiniert. Die Interviews dauerten 4 – 6 Stunden. Sie wurden transkribiert und inhaltlich ausgewertet. Eine Vergleichsgruppe nichtfremdenfeindlicher Personen bestand aus 35 Personen, denen der Fragebogen und einige Skalen aus dem Interview zur schriftlichen Beantwortung vorgelegt wurden. Das durchschnittliche Geburtsjahr der Täter variierte zwischen 1970 und 1983, die meisten wurden zwischen 1976 und 1980 geboren. Ost- und westdeutsche Befragte unterschieden sich im mittleren Alter nicht voneinander, ebenso nicht di8e Täter- und Vergleichsgruppe. Die Gewalttäter waren in verschiedenen Ost- und Westdeutschen Gefängnissen inhaftiert. Die Mehrzahl der untersuchten Gewalttaten betraf einfache, schwere und gefährliche Körperverletzung gegen Ausländer sowie „Linke“ oder „Punks“. Für ihre Taten wurden sie zu Haftstrafen bis zu 9 ½ Jahren verurteil (im Mittel ca. 3 Jahre). Die Taten richteten sich vor allem gegen reale Personen, die vorrangig in der Unterzahl waren. In drei Viertel der auswertbaren Fälle berichten die Gewalttäter davon, dass es sich bei dem Opfer um eine einzelne Person handelte. In etwas weniger als der Hälfte der Fälle waren die Opfer den Tätern vorher persönlich bekannt. Die Taten fanden mehrheitlich an öffentlichen Plätzen und in den Abend- und Nachtstunden statt. Häufige Beschäftigungen vor der Tat sind: 1.) sich mit den Kumpels oder der Clique treffen (54%) 2.) Alkohol trinken (88%); 60% in hohem Maße 3.) ohne besonderes Ziel in der Gegend umherfahren oder umherlaufen (43%). Es konnte gezeigt werden, dass zwei verschiedene Arten von Situationen die Straftaten vorhersagen können: Der erste Ausgangspunkt einer großen Anzahl von geplanten wie spontanen Taten lag in alltäglichen Gruppenaktivitäten: gute (teils aggressive) Stimmung, trinken von Alkohol, Zusammensein mit Freunden und hören von Musik, durch die Gegend laufen oder fahren. Ein davon abweichendes Muster ist gekennzeichnet durch: negative Stimmung bzw. vorhergehende frustrierende Erlebnisse und Alleinsein. Nahezu alle Täter standen während der Tat unter erheblichen Alkoholeinfluss. Eine wahrgenommene Provokation war der am häufigsten genannte Auslöser für fremdenfeindliches aggressives Verhalten. Diese wahrgenommene Provokation wurde jedoch oft von den Straftätern selbst herausgefordert. Die Präsentation von Stärke, Dominanz und Härte können als die häufigsten Motive für das Gewaltverhalten angesehen werden. Nach Tedeschi & Felson (1995) zielt dieses Motiv darauf ab, eine Identität von Stärke, Dominanz und Härte zu etablieren oder gegen wahrgenommene Attacken zu schützen. Die anderen zwei großen Motive dieser Theorie stellen das Motiv des sozialen Einflusses und das Gerechtigkeitsmotiv dar. Trotz individueller Tatverläufe haben wir es mit typischen Mustern zu tun, die den Schluss nahe legen, dass es sich bei den vorliegenden fremdenfeindlichen Gewalttätern um multipel kriminelle und in hohem Maße aggressionsgewöhnte und –bereite Jugendliche handelt. Eine gezielt politische Funktion von Gewalt tritt bei diesen Tätern eher hinter eine jungendkulturelle maskuline Stärkepräsentation zurück. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Täter dadurch weniger gefährlich wären. Die Befunde bestätigen überdies zunächst einmal die öffentlich transportierten Stereotype über gewalttätige fremdenfeindliche Straftäter: jugendlich, männlich, geringe Bildung, Mitglieder „rechter“ Cliquen etc. Die individuellen Sozialisationen der Interviewten bis zur eigentlichen Tat verlaufen in der Regel mehrphasig: In der familiären Sozialisation (meist typische broken-home-Konstellationen, Heimerfahrungen) wird Gewalt als Hauptmittel zur Regulation alltäglicher Situationen erlebt und angeeignet. 56% der interviewten Gewalttäter sagten, dass sie schon als Kinder mit physischer Gewalt durch ihre Eltern oder Betreuer konfrontiert wurden. Die negative Entwicklung setzte sich in der zweiten Phase, der Schulsozialisation, fort. In dieser Phase (zwischen 8-12 Jahre) hinterließen die Gewalttäter einen schlechten Eindruck bei ihren Lehrern und Gleichaltrigen, hatten einen geringen Schulerfolg, zeigten jugendliche Delinquenz und erste physische Gewalttaten. Mehr als 75% hatten lediglich eine Grundschulausbildung. Nur 2% erreichten das Abitur; 38% verließen die Schule ohne jeglichen Abschluss. Die negativen Entwicklungslinien aus Familie und Schule kumulieren nachfolgend und führen zum völligen Abbruch des Bildungsverlaufs und zu gehäufter Inhaftierung, sowohl aufgrund fremdenfeindlicher Gewalttaten als auch allgemeiner (Gewalt-) Kriminalität. So haben fast drei Viertel keinen Berufsabschluss. Mit 13,5 Jahren fand durchschnittlich der erste Kontakt mit der Polizei statt, mit knapp 16 Jahren hatten die Täter erstmals mit dem Richter zu tun; bis zum vollendeten 17. Lebensjahr verfügten bereits 9 von 10 Tätern über Gerichtserfahrung. Die Cliquensozialisation stellt im Anschluss an die familiäre und die Schulsozialisation die dritte Phase der Entwicklung zum fremdenfeindlichen Gewalttäter dar. Diese Phase wird durch den Anschluss an eine rechte Clique oder Szene eingeläutet. Erst während dieser Cliquensozialisation erfolgt der explizite Kontakt mit rechtsextremen Ideologien, dem sich in relativ kurzer Zeit (im Durchschnitt innerhalb von 2 Jahren) die erste fremdenfeindliche Gewalttat anschließt. Die erste Gewalttat mit fremdenfeindlichem Hintergrund findet in der Regel im Alter von 15 Jahren statt. Die Cliquen liefern soziale und emotionale Unterstützung für die jungen Gewalttäter. 85 % der Gewalttäter sagten im Interview, dass die Clique für sie wichtiger im Leben ist als Vater oder Mutter. In den meisten Fällen wurden auch die Straftaten in Gruppen organisiert. Diese Gruppen stellten auch den Hintergrund für die rechtsextreme ideologische Sozialisation der jungen Gewalttäter dar. Durch die Integration in jugendliche Cliquen beginnt eine zunehmende rechtsextreme Ideologie-Sozialisation. Der Beitrag diskutiert abschließend mögliche Konsequenzen zur Intervention. Freitag, 11.11.2005 [ Übersicht ] |
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