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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005

Neuer Antisemitismus?

Prof. Dr. Wolfgang Frindte vom Psychologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena spricht in Potsdam beim Psychologenkongress über die Schwierigkeit, in Deutschland Kritik an Israel zu üben. Leicht komme der Verdacht auf, damit würde eine versteckte antisemitische Grundeinstellung bemäntelt. Die von ihm vorgestellten Studien ermöglichen einen differenzierten Blick auf die Grauzone der Einstellungen der Deutschen zwischen berechtigter Israelkritik und Trittbrettfahrern aus der antisemitischen Ecke. In den Untersuchungen geht es vor allem um folgende Fragen: Gibt es einen genuinen Antisemitismus, der sich qualitativ und quantitativ von menschenfeindlichen Vorurteilen unterscheidet? Drücken sich in der Kritik an Israels Politik latente antisemitische Vorurteile aus? Sind jene, die einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung ziehen möchten, patriotisch gesinnte Bürger oder verkappte Antisemiten?

Zur Beantwortung dieser Fragen werden Ergebnisse aus drei Erhebungsstudien mit insgesamt 1000 Befragten (18 bis 83 Jahre) aus den Jahren 2003 bis 2004 präsentiert. Die Datenauswertung erfolgte jeweils auf konservativem Wege und mittels Strukturgleichungsmodellen. Vor dem Hintergrund der Befunde lassen sich antisemitische Vorurteile in Deutschland folgendermaßen beschreiben:

Es ist ein Antisemitismus, der aufgehört hat, Ideologie zu sein; ohne aber als Vorurteil zu verschwinden oder ein bloßes privates Vorurteil wie andere auch zu werden (Marin, 2000). Empirisch auffällig ist, dass die nach-faschistischen antisemitischen Vorurteile mit fremdenfeindlichen Vorurteilsneigungen korrelieren, ein Alterseffekt – zunehmende Intoleranz gegen Juden mit zunehmendem Alter – nachweisbar ist, ein signifikanter Zusammenhang zwischen geringerer Schulbildung und höherer Vorurteilsbereitschaft bei antisemitischen Vorurteilen zu finden ist und antisemitische Vorurteile mit rechten Politikorientierungen korrelieren. Es handelt sich um einen manifest/latenten Antisemitismus, indem die „neuen“ Antisemiten sich in nicht-antisemitischer Weise feindselig gegenüber Juden verhalten, Gewalt gegenüber Juden verurteilen, aber gleichzeitig das Verschwinden der Juden als besondere Gruppe nicht bedauern würden. Der moderne Antisemitismus nutzt Andeutungen und Anspielungen, die Bezüge zu weit verbreiteten antisemitischen Ressentiments herstellen und diese damit quasi in verschlüsselter und meist auch abgeschwächter Form reproduzieren und er übt sich in Ersatzhandlungen jenseits „klassisch“ antijüdischer Angriffe und Anspielungen. Etwa, wenn „den Juden“ Mitschuld an ihrer Vertreibung und Ermordung gegeben wird oder wenn versucht wird, den Holocaust zu verleugnen bzw. zu verniedlichen. Es ist ein Alltagsantisemitismus, der mit kulturell tradierten Stereotypen über Juden verknüpft ist und „die Juden“ als ambivalente Verkörperung begehrter und verpönter Merkmale betrachtet. Es ist ein Antisemitismus, in dem sich tradierte antisemitische Vorurteile und politisch kalkuliert erzeugte Stereotype über Israel ergänzen, verstärken und sich einander wechselseitig begrenzen. Der israelisch-palästinensische Konflikt bildet quasi ein neues Feld für antisemitische Ersatzhandlungen. Antisemitismen finden hier ihren Ausdruck etwa in der Gleichsetzung von „den Israelis“ bzw. „den Juden“ mit „den Nazis“, wenn es um die Beschreibung der israelischen Repressionspolitik gegenüber den Palästinensern geht. Es ist ein Antisemitismus, der nichts mehr mit dem „Judentum“ zu tun hat. Der nach-faschistische Antisemitismus liefert keine Aussagen über die Existenz der Juden, keine Aussagen über die jüdische Geschichte, keine Aussagen über die jüdische Religion. Der nach-faschistische Antisemitismus gehört zu jenen sozialen Konstruktionen über soziale Konstruktionen, mit denen die Konstrukteure (die Antisemiten) sich selbst konstruieren.

Vor allem aber ist es ein Antisemitismus, der durch Reprivatisierung und Repolitisierung gekennzeichnet ist. Als privates Vorurteil, dessen öffentliche Äußerung tabuisiert ist, wird der nachfaschistische Antisemitismus keinesfalls entpolitisiert, sondern unterliegt vielmehr veränderten politischen „Verwertungsbedingungen“ (Marin, 2000). Vermeidung antisemitischer Themen in der Öffentlichkeit, Themenverschiebung (etwa in den Diskussionen über Israel), Ent-Schuldigung der Täter und Schuldumkehr (z.B. statt Verurteilung von Schuld nun eher Verurteilung deren Aufdeckung) sind Formen dieses Vorurteilsmanagement.

Freitag, 12.11.2005
R 0233 Melanie Klein
17.30 Uhr

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