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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005

Mobbing unter Schülern und Schülerinnen: Wer ist in welcher Weise beteiligt?

Mobbing ist eine spezielle Form aggressiven Verhaltens und besteht aus anhaltenden Schikanen durch ein oder mehrere Personen gegenüber einem einzelnen physisch oder psychisch Schwächeren. Dr. Karin Duden beschreibt beim Psychologenkongress in Potsdam direktes Mobbing als offenen Angriff; indirektes Mobbing beinhaltet häufig die Kontaktverweigerung oder den Ausschluss aus der Gruppe. Die sozialen Beziehungen oder das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums zu beschädigen wird in letzter Zeit auch als relationale Aggression bezeichnet und in einem neuen Forschungszweig untersucht. Auch relationale Aggression kann direkt erfolgen, z.B. indem jemand einen anderen gezielt ignoriert, die Beziehung abbricht oder androht, sie aufzukündigen; sie erfolgt aber meistens über Manipulationen des gemeinsamen Netzwerkes, z.B. durch den Einsatz von Gerüchten oder konzertierten Aktionen, die das Opfer marginalisieren. Indirekte relationale Aggression wird gleichermaßen oder sogar eher von Mädchen als von Jungen ausgeübt, während Jungen mit physischen Aggressionen häufiger auffallen als Mädchen. Weil Aggressionsforscher eher physische und verbale Attacken untersucht haben, ohne relationale Angriffe ausreichend zu berücksichtigen, wurde die Aggressivität von Mädchen und Frauen bisher unterschätzt. Wird relationale Aggression einbezogen, kann man bei Jungen und Mädchen vergleichbare Häufigkeiten aggressiven Verhaltens und vergleichbare Viktimisierungsquoten erkennen.

Wenn man Schüler/innen nach ihren Mobbingerfahrungen in den vergangenen sechs Monaten befragt, nachdem man ihnen Beispiele für unterschiedliche Mobbingformen gegeben hat - eine solche Befragung wurde vor einigen Jahren in einer groß angelegten Studie in Schleswig-Holstein durchgeführt - , dann geben (gemittelt über die Jahrgänge 3 bis 12) 9% der Kinder und Jugendlichen an, sehr häufig gemobbt zu werden, und zwar durch direkte, hauptsächlich verbale aber auch physische Übergriffe auf ihre Person oder ihr Eigentum (Hanewinkel & Knaack, 1999). Wird gelegentliches Mobbing hinzugezählt, fühlen sich 21% betroffen. Eine häufige aktive Beteiligung am Mobben anderer Schüler geben 9% der Befragten, gemittelt über alle Jahrgänge, zu. Werden gelegentliche Täter hinzugezählt, sind es 23%. Etwa die Hälfte der Täter gehören derselben Schulklasse an, die andere verteilt sich auf Parallelklassen, höhere oder jüngere Jahrgänge.

An den Schikanen sind zahlreiche Schüler/innen in mehr oder weniger aktiven Rollen beteiligt. Aufgrund beobachtbarer Verhaltensweisen lassen sich fünf Rollen im Mobbingprozess erkennen: Täter, Assistenten, Verstärker, Verteidiger und Außenseiter. Täter übernehmen Initiative und Führung in Mobbingsituationen und führen ihre Schikanen aktiv durch. Sie sind, finnischen Untersuchungen zufolge, nur zu 51% abgelehnt, jeweils 10% sind beliebte oder kontroverse und 28% sind durchschnittliche Personen. Assistenten des Täters beteiligen sich ebenfalls aktiv am Mobbing aber nicht in führender Rolle. Die Verstärker des Täters ermuntern zu Übergriffen, indem sie neugierig hinzukommen, lachen, als Zuschauer dabei sind und den Täter möglicherweise anfeuern. Die Gruppe der Assistenten und der Verstärker des Täters zusammengenommen setzt sich zu 37% bzw. 39% aus durchschnittlichen und beliebten Schülern/innen zusammen, 20% sind Abgelehnte. Die Verteidiger des Opfers trösten oder unterstützen das Opfer, und versuchen aktiv, das Mobbing zu unterbrechen. Sie sind zu 43% Beliebte, zu 30% Durchschnittliche, zu 23% Abgelehnte. Außenseiter halten sich abseits und unternehmen nichts. In dieser Rolle agieren die Durchschnittlichen zu 46%, die Beliebten zu 30% und Abgelehnte zu 21%. Jungen treten deutlich häufiger als Assistenten und Verstärker des Täters in Erscheinung während Mädchen eher die Rollen der Verteidiger des Opfers und der Außenseiter wahrnehmen.

Dass Mobbingopfer am wenigsten beliebt und am meisten abgelehnt sind, kann Ursache und Folge von Mobbing sein. Ihre ursprüngliche Unbeliebtheit kann Mobbing ausgelöst haben. Andererseits kann kontinuierliches Mobbing allmählich eine Veränderung der Wahrnehmung bei anderen bewirken: Das Opfer erscheint fast im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung immer mehr als wertlos, abweichend und die schlechte Behandlung verdienend (Olweus, 1995). Dieser Mobbingprozess kann sich über einen längeren Zeitraum in fünf sich eskalierenden Phasen entwickeln und darauf hinaus laufen, dass Schikanieren von allen Beteiligten als normale Erfahrung generalisiert wird.

Im Vergleich zu den Opfern sind Täter weniger sozial abgelehnt. Dennoch gehören sie zu einer Statusgruppe, die wenig angesehen ist. Das Täterinnen im Vergleich zu Tätern einen hohen Status haben, mag daran liegen, dass Mädchen eher indirekte oder relationale Formen von Mobbing ausüben, wie z.B. Gerüchte streuen, jemanden ausschließen, Freund oder Freundin ausspannen. Es ist möglich, dass ihre verbal geschickteren Aggressionen bei Mitschülern besser ankommen, als die physischen Aggressionen von männlichen Tätern.

Aus vorliegenden Untersuchungen lässt sich zusammenfassend ableiten, dass Mobbing sowohl die Sozialentwicklung als auch das Lernen von betroffenen Kindern oder Jugendlichen stark beeinträchtigt. Auch für die anwesenden Mitschüler ist Mobbing eine belastende und sozialisatorisch ungünstige Erfahrung, die im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien steht. Umso wichtiger für Lehrkräfte, erste Anzeichen bzw. Risikofaktoren von Mobbing zu erkennen (negative Aufmerksamkeit von Mitschülern, Ausgrenzung in Pausen, bei Gruppenarbeiten oder Mannschaftswahlen, Hineingezogenwerden in Konflikte trotz körperlicher Unterlegenheit, wenig Selbstvertrauen, Zurückgezogenheit, Stresssymptome, depressive Tendenzen, Einbrechen von Leistung und Arbeitsverhalten, möglicherweise plötzliche Wutausbrüche) als Voraussetzung für gezielte pädagogische Interventionen. Erfahrungen aus anderen Ländern und hiesigen Schulen zeigen, dass Mobbing bei konsequentem, anhaltenden Engagement des Lehrkörpers in Kooperation mit Eltern und Schülerschaft signifikant eingegrenzt und damit das soziale Klima in Schulklassen oder Schulen entspannt werden kann.

Donnerstag, 10.11.2005
R 0 246 Anna Freud
13.30 Uhr

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