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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005

Brauchen wir noch eine spezielle Frauenförderung und wie sollte sie aussehen?

Diese Frage stellt Dipl.-Psych. Christine Bücker-Gärtner beim Deutschen Psychologentag in Potsdam. Vor vierzig Jahren identifizierte Ralf Dahrendorf in der Bundesrepublik vier Gruppen, die einen deutlich erschwerten Zugang zur schulischen Bildung hatten: die drei großen Gruppen der Kinder aus ländlichen Gebieten, der Arbeiterkinder und der Mädchen sowie mit gewissen Einschränkungen die Gruppe der katholischen Kinder. Damals stellten Mädchen nur 36 % der Abiturienten; ein Viertel der Studierenden an Universitäten war weiblich. Als Ursache benannte Dahrendorf „das Fortwirken eines sozialen Rollenbildes der Frau, das dieser die eigene Entfaltung in Bildung und Beruf verbietet und die Konzentration auf den Umkreis der häuslichen und familiären Pflichten nahe legt.“

Die gleichberechtigte Teilhabe von Mädchen und Frauen an der Bildung war eine zentrale Forderung der Frauenbewegung. Die Erwartung, dass eine gute Ausbildung von Mädchen und Frauen den beruflichen Erfolg sichert, hat sich nur teilweise erfüllt. Der Mikrozensus 2004 verdeutlicht, Frauen im Allgemeinen und Mütter im Besonderen sind in Führungspositionen weiterhin stark unterrepräsentiert.

Da die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer die Grundlage prestige- und einkommensträchtiger Berufe sind, erscheinen die Forderungen nach speziellen Fördermaßnahmen für Mädchen in dieser Fächergruppe nach wie vor als dringend geboten. Der mit jeder Jahrgangsstufe zunehmende Leistungsabstand in der Mathematik und Physik zwischen den Geschlechtern weist darauf hin, dass weniger die kognitiven Fähigkeiten als vielmehr die geschlechtsspezifischen Kompetenzzuschreibungen für die unterschiedlichen Leistungen ursächlich sind. Die Bedeutsamkeit des Selbstkonzepts für gute Leistungen weist den Weg zu Fördermaßnahmen, die das Selbstvertrauen der Mädchen in ihre mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen stärken. Dies könnten sowohl eine reflexive Koedukation als auch Unterrichtsformen und -inhalte sein, die stärker auf die Interessen und Bedürfnisse von Mädchen Bezug nehmen.

Das duale Berufsausbildungssystem bietet den jungen Männern tatsächlich weiterhin bessere Chancen. 56 % der Ausbildungsberufe sind männlich dominiert, aber nur 28 % weiblich. Um die beruflichen Möglichkeiten von Frauen zu erhöhen, gab und gibt es vielfältige Aktionen und Projekte, die Mädchen für sogenannte Männerberufe begeistern sollen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der erfolgreiche Ausbildungsabschluss in einem Männerberuf für Frauen selten in eine Arbeitsstelle in diesem Bereich mündet. Aus einem weiteren Grund erscheint dieser Frauenförderansatz problematisch: Männerberufe werden im Zusammenhang mit diesen Projekten als erstrebenswert beschrieben und damit aufgewertet, was automatisch zu einer weiteren Abwertung von Frauenberufen führt. Ziel sollte es daher sein, eine gleichmäßigere Verteilung beider Geschlechter in allen (Ausbildungs-)Berufen zu erreichen, um langfristig der geschlechtshierarchischen Segmentierung des Arbeitsmarktes entgegen zu wirken.

Hochschule und Wissenschaft

Nicht nur der Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung auch der Wechsel an die Hochschule scheint für Frauen mit größeren Problemen verbunden zu sein. Die Studierquote der männlichen Studienberechtigten lag immer deutlich über der der weiblichen Studienberechtigten. Während die Studienaufnahme von Abiturientinnen über einen längeren Zeitraum angestiegen ist, hat sich die Studierquote bei den Frauen von 2002 zu 2004 um 5 Prozentpunkte wieder verringert. Als Hauptgründe werden in der aktuellen HIS-Studie über Studienberechtigte 2004 fehlende finanzielle Mittel und ein angestrebter Beruf genannt, der kein Studium erfordert. Da Männer diese Gründe deutlich seltener angeführt haben, erscheint die Befürchtung sehr berechtigt, dass die Einführung von Studiengebühren die Studienneigung von weiblichen Studienberechtigten weiter reduzieren wird.

Das Studienwahlverhalten der Geschlechter unterscheidet sich nach wie vor. Frauen wählen mehrheitlich Fächer der Studienfachgruppen Sprach-, Kulturwissenschaften und Sport sowie Kunst und Kunstwissenschaft, Männer hingegen Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Naturwissenschaften. In der Psychologie beträgt der Männeranteil aktuell nur noch 23 %. Ein naturwissenschaftliches Frauenfach stellt die Pharmazie dar, hier studieren lediglich 25 % Männer. Wirtschafts- und Rechtswissenschaften werden ungefähr geschlechterparitätisch studiert mit einem Aufwärtstrend der Frauenanteile. Bei Medizin liegen die Frauenanteile ebenfalls im Aufwärtstrend bei inzwischen über 61,3 %. Die angeführten Beispiele zeigen, dass eine differenzierte Analyse einzelner Fächer notwendig ist, um Fehleinschätzungen, wie etwa ein mangelndes Interesse von Frauen an Naturwissenschaften zu korrigieren.

Im Vergleich mit den anderen Mitgliedsstaaten der EU schneidet Deutschland bezüglich der Frauenanteile an Hochschulen schlecht ab. Bei den Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften belegt Deutschland im Jahr 2001 den drittletzten Platz, bei den Universitätsabsolventen die vorletzte Stelle. Auch im internationalen Vergleich der Frauenanteile an Promotionen lag Deutschland in der EU im Jahr 2001 mit 35,1 % nur an drittletzter Stelle.

Offensichtlich gelingt es anderen Staaten besser, die Potentiale von Frauen zu erschließen.

Die positiven Entwicklungen für Mädchen und Frauen in Bildung und Wissenschaft haben bisher nicht zu gleichen Chancen im Berufsleben geführt. Trotz schlechterer Schul- und Hochschulabschlüsse erhalten Männer leichter einen Arbeitsplatz, der zudem häufig besser bezahlt und unbefristet ist. Die am Besten ausgebildete Generation von Frauen in Deutschland hat weiterhin das Nachsehen auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere bei unbefristeten, gut bezahlten und einflussreichen Positionen.

Diese Schwierigkeiten sind zum einen begründet, in den weiterhin wirkmächtigen Rollenzuweisungen, die besagen, dass die wichtigste Aufgabe von Frauen in der Mutterschaft und Familienarbeit besteht. Zum anderen negieren viele junge Frauen die Notwendigkeit von Unterstützungssystemen bei der Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle. Sie glauben, ihre sehr guten Zeugnisse und ihr Fleiß seien hinreichend für berufliche Erfolge.

Bereits in der Schule ist es notwendig, das Selbstvertrauen von Mädchen in ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu stärken sowie sie von der Notwendigkeit von Unterstützungssystemen zu überzeugen. Seilschaften und Old-Boys-Networks ebnen seit Jahrhunderten jungen Männern den Berufszugang und den Aufstieg.

Frauenfördermaßnahmen sollten jedoch vor allem auf den Abbau der strukturellen Benachteiligungen von Frauen gerichtet sein. Statt Frauenförderung als überflüssig anzusehen, die nur unnötig Geld kostet, gilt es vielmehr, die in den vergangenen 20-30 Jahren gewonnenen Erfahrungen und Forschungsergebnisse auf dem Weg zu mehr Chancengerechtigkeit zwischen Frauen und Männern zu nutzen.

Freitag, 11.11.2005
R 0 246 Anna Freud
17.00 Uhr

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