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Informationsdienst Psychologie - IDP 3/2005 Wie kann die Fülle des Lebens erfahren werden, wenn das Lebensende zwischen 20 und 30 kommt?Wie gehen 20jährige junge Männer ihre kommenden Lebensjahre an, wenn sie wissen, dass diese Jahre aufgrund ihrer Erkrankung gezählt sind? Welche Lebenserwartungen werden für sie wichtig? Mit welchen Lebensaufgaben beschäftigen sie sich am meisten? Auf diese Fragen geht Dr. Ingo Kretschmer beim Deutschen Psychologentag in Potsdam ein. Junger Männer mit Muskeldystrophie (Typ Duchenne) sprechen miteinander über ihre Lebensaufgaben. Und sie geben sehr interessante Beispiele, wie sie diese gestalten. Sie verstehen ihre Lebenswegentscheidungen ausdrücklich so, dass andere in ähnlicher Lebenslage davon angeregt werden können. Die Gruppe wird über längere Zeit psychologisch unterstützt, und sie ist zu einer Diskussion ihrer Erwartungen an das Leben mit professionellen Helfern bereit. Referiert werden Findungs- und Gestaltungsprozesse der jungen Männer in derjenigen Lebensphase, in der sie ohne ihre Erkrankung ihre berufliche Existenz aufbauen und Paarbeziehungen ausprobieren würden. Sie wenden sich aber solchen Erwartungen und Aufgaben zu, die ihren Selbstbemächtigungen entsprechen. Ein Beispiel für einen Autonomieprozess ist die Entscheidung eines Schülers, kurz vor Abschluss der Berufsfachschule auf das Erreichen seiner Abschlussprüfung zu verzichten und statt dessen alle verfügbare Lebenskraft für den Umzug in einen sich bietenden guten Wohnplatz aufzubringen. Es geht ihm um seinen Wechsel aus der Schülerrolle in die Erwachsenenrolle, den er trotz vieler Unwägbarkeiten wagt. Er setzt sich also neue Ziele, verlangt sich viel Mut ab und probiert neue Verhaltensweisen aus. Er erlebt dies als sehr erfüllenden Lebensschritt. Allerdings sind diese persönlichen Veränderungen für ihn ohne Unterstützung zunächst sehr fremd. Er braucht Hilfen, um sich damit vertraut zu machen und sie kurzfristig angehen zu können. In der Zusammenarbeit mit den jungen Männern werden Lebensaufgaben besonders wichtig, die der Individuation dienen. Als Lebensthema wird deutlich, nicht ein Kind bleiben zu wollen, dass zunehmender und schließlich intensivster elterlicher Hilfe, Pflege, Fürsorge bedarf. Und man möchte nicht ein Kind werden, das seinen Eltern Leid und Angst bereitet. Als erfüllende Lebensschritte werden deswegen solche angegangen, die zu einem neuen wechselseitigen Respekt zwischen Kind und Eltern führen, und die zu einer Selbstfürsorge des Kindes führen, die für andere deutlich sichtbar wird. Diese Individuationen sind deswegen so herausfordernd und anstrengend, weil beide Seiten, Eltern und Kind, langjährig bewährte Bindungsmuster aufgeben müssen, und weil die Abhängigkeiten und Versorgungsbedürfnisse in den Jahren nach der Schule real immer größer werden. Erwachsene Kinder und ihre Eltern, die genau solche aktiven Individuationsprozesse gewagt und durchlebt haben, erfahren diese als besonders intensives und befriedigendes Leben. Donnerstag, 10.11.2005 [ Übersicht ] |
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