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28.2.2006
VPP: Patienten haben Recht auf Psychotherapie
Antidepressiva nicht alleiniges Mittel der Wahl
Neue Erkenntnisse beleben Diskussion um die richtige Behandlung von Depressionen
Gegenwärtig gibt es eine Kontroverse unter der Ärzteschaft über
die Wirksamkeit von Antidepressiva in der Behandlung von Depressionen. Sie entstand
durch einen Artikel im Arznei-Telegramm (a-t) mit der Überschrift: "Antidepressiva:
Lebensgefährliche Placebos?"1. Vertreter der medizinischen
Fachgesellschaften dgppn und agnp haben darauf öffentlich geantwortet2 und
mussten sich anschließend
gefallen lassen, dass ihre Objektivität in Frage gestellt wird, da sie
mit ihren Äußerungen eher die Interessen der Pharmafirmen zu vertreten
scheinen.3
Antidepressiva sind nicht unwirksam. Es ist aber zu unterscheiden zwischen erwünschten
und unerwünschten Wirkungen und abzuwägen, ob der Nutzen gegenüber
dem Schaden überwiegt. Darüber hinaus kann die Wirksamkeit eines Medikaments
bei verschiedenen Patienten sehr unterschiedlich sein, ohne dass dies bisher
im einzelnen begründbar oder vorhersagbar wäre.
Unter Antidepressiva wächst Suizidrate bei Jugendlichen
Ausgangspunkt der Diskussion sind Studien in den USA, die dazu führten,
dass Warnhinweise für die Anwendung von Antidepressiva bei Kindern und
Jugendlichen angeordnet wurden. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
verdoppeln im Vergleich zu Placebo die Häufigkeit von Agitiertheit, Ängstlichkeit
und Aggressivität - Eigenschaften, die die Suizidneigung fördern können.
Es konnte nachgewiesen werden, dass die Suizidrate unter Antidepressiva insbesondere
bei Jugendlichen deutlich zunimmt. Bei Erwachsenen kommt es besonders in der
Anfangsphase der Behandlung mit SSRI zu verstärkten Suizidimpulsen. Auch
die Vertreter der Fachgesellschaften können dem in ihrem Artikel nicht
widersprechen und empfehlen eine engmaschige Betreuung und die zusätzliche
Gabe von Tranquilizern in der Anfangsphase einer Behandlung mit Antidepressiva.
Dies wird auch von Hegerl4 als Sprecher des Kompetenznetzes Depression
und von der Arzneimittelkommission5 in ähnlicher Weise dargestellt.
Die Zunahme an Selbsttötungstendenzen ist sicher die bedeutsamste der unerwünschten
Wirkungen in der Behandlung mit Antidepressiva. Dem gegenüber scheint der
Nutzen von Antidepressiva gemessen an der üblicherweise verwendeten HAMILTON-Depressionsskala
nur unwesentlich über dem von aktivem Placebo zu liegen6. Selbst
dieser geringe Effekt kann wegen der Entblindung durch typische Störwirkungen
vorgetäuscht sein. Trotz jahrzehntelanger Anwendung sind weder Wirksamkeit
noch Sicherheit der verfügbaren Antidepressiva ausreichend belegt.7
Ansprechbarkeit von Patienten oft erst nach Wochen geklärt
Eine weitere Schwierigkeit in der Behandlung mit Antidepressiva liegt in der
unterschiedlichen Ansprechbarkeit der einzelnen Patienten auf das jeweilige
Medikament. Es kann Wochen dauern, bis sich herausstellt, ob ein Medikament
wirkt oder bis ein anderes wirksames Medikament gefunden ist8. Diese
Zeit verbringen die Patienten in ihrem depressiven Zustandsbild und werden häufig
mit Tranquilizern stabilisiert oder bei Suizidalität in die Klinik eingewiesen.
Wissenschaftler im Bereich der Pharmakogenetik des Max-Planck-Instituts für
Psychiatrie haben erst vor kurzem eine Genvariante entdeckt, die die Wirksamkeit
von Antidepressiva bestimmen soll9. Sie gehen davon aus, dass erst
mit der Umsetzung dieser Forschung der Anfang gemacht ist für eine individuell
abgestimmte medikamentöse Behandlung depressiver Patienten. Diese optimistische
Einschätzung
wird von anderen Wissenschaftlern jedoch in Frage gestellt, denn für die
Entstehung einer Krankheit oder für den Erfolg einer medikamentösen
Therapie ist in den seltensten Fällen eine einzige genetische Variante
verantwortlich10. Darüber hinaus lassen diese Untersuchungen
völlig
außer acht, dass die Entwicklung einer Depression auch als Folge einer
dysfunktionalen Verarbeitung der (vergangenen und aktuellen) Lebensumstände
eines Menschen zu verstehen ist, die nicht alleine durch eine "Pille" zu
verändern sind. Die Darstellungen der Pharmakogenetik erscheinen in diesem
Licht als etwas zu euphorisch.
Dominanz von Ärzten in der Depressions-Behandlung
wird in Frage gestellt
Trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten wird innerhalb der deutschen Ärzteschaft
nach wie vor die Position vertreten, die Behandlung einer Depression ohne Antidepressiva
stelle einen Behandlungsfehler dar. Ob damit vor allem das Interesse der Pharmaindustrie
verfolgt wird oder auch die Dominanz der Ärzte in der Behandlung depressiver
Störungen aufrecht erhalten werden soll, ist nicht klar. Die Dominanz wird
durch eine Untersuchung von Rau immerhin in Frage gestellt, der in Anlehnung
an vorhergehende Untersuchungen anderer Autoren nachweisen konnte, dass in der
Behandlung der Depression in Verbindung mit Psychotherapie ein körperliches
Ausdauertraining ebenso erfolgreich ist wie die Pharmakotherapie.11
Babyak, M.
et al. (2000). Exercise treatment for major depression: maintenence of therapeutic
benefit at 10 months.
Psychosomatic Medicine, 62, 633-638, zitiert
nach Rau, unveröffentlichter Vortrag 2005
Position des VPP im BDP
Der VPP sieht es als Berufsverband der Psychologischen Psychotherapeuten nicht
als seine Aufgabe an, sich an der inhaltlichen Auseinandersetzung um die biologische
Wirksamkeit von Antidepressiva zu beteiligen. Die Behandlung depressiver Störungen
ist aber auch ein Tätigkeitsfeld vieler Psychotherapeuten sowohl in der
ambulanten als auch in der stationären Behandlung. Insbesondere die Psychotherapeuten
in den Kliniken verfügen durch die intensive Auseinandersetzung mit der
Pharmakotherapie über ein breites Spektrum klinischer Erfahrungen. Der
VPP hält es für angebracht, diese Erfahrungen zu bündeln und
in einer Position zu formulieren, die in die wissenschaftliche Forschung mit
einfließen kann. Folgende Punkte scheinen hier von Bedeutung:
1. Unterschiedliche klinische Erfahrungen berücksichtigen
Aus klinischer Erfahrung muss man die Wirksamkeit der Pharmakotherapie in der
Behandlung depressiver Störungen teils bestätigen und teils sehr
in Frage stellen. Insbesondere im stationären Rahmen sind Patienten mit
schweren depressiven Krankheitsbildern zu beobachten, die weitgehend eingemauert
in ihre eigene Welt Kontakten kaum zugänglich sind. Hier ist es beeindruckend,
wie ein Patient eine halbe Stunde nach Verabreichung eines Benzodiazepins "auftauen" kann
und sich für ein Gespräch öffnet.
Nicht selten zeigt sich nach etwa drei Wochen Behandlung im stationären
Rahmen tatsächlich eine deutliche Stimmungsaufhellung. Dies kann auf die
Wirkung eines Antidepressivums zurückgeführt werden, es können
aber auch andere Faktoren wirksam sein.
Wenn ein Patient dann nach positivem Behandlungsergebnis und entsprechender
Stabilisierung aus der stationären Behandlung entlassen wird und dann die
Medikation vom niedergelassenen Arzt auf ein anderes Präparat umgestellt
wird, zeigen sich gelegentlich Rückfälle. Dies kann dafür sprechen,
dass bestimmte Patienten in der aktuellen Krankheitsphase nur auf einen speziellen
Wirkstoff ansprechen und die Wirksamkeit dieser Arznei belegen. Es können
aber auch andere Gründe eine Rolle spielen, z.B. dass sie das stationäre
Setting mit seinen vielfältigen anderen Wirkfaktoren (Schutz und Versorgung)
verlassen haben oder dass die Psychotherapie noch nicht ausreichend war zur
dauerhaften Veränderung der Verarbeitungsweisen schwieriger Lebensumstände
des Patienten.
Es gibt auch zahlreiche Patienten, die sich im Bereich der Pharmakotherapie
als "therapieresistent" erweisen, obwohl eine Reihe von Medikamenten
ausprobiert wurden. Bei etwa 20 bis 30 Prozent der an Depression leidenden Patienten
wird heute mit Antidepressiva kein zufriedenstellender Behandlungserfolg erzielt
(zitiert nach MPG, siehe Fußnote 5). Umgekehrt lässt sich daraus
unter Einschluss auch der Placebowirkung eine gute Wirksamkeit bei 70 - 80%
ableiten.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine Reihe von Patienten mit depressivem
Stimmungsbild z.B. nach einem schweren Suizidversuch, die sich bereits nach
wenigen Tagen im stationären Rahmen deutlich entlastet fühlen (z.B.:
abhängige Persönlichkeit mit sozialer Isolation nach länger zurückliegendem
Verlust des Partners). Hier ist davon auszugehen, dass die Wirksamkeit der Antidepressiva
noch gar nicht eingesetzt haben kann, dass also andere Wirkfaktoren von Bedeutung
sind.
2. Placeboeffekt – nicht nur ein Thema der Medizin
Der Placeboeffekt ist nicht nur ein originäres Thema der Medizin, sondern
auch der Psychologie und der Psychotherapie. In der Diskussion um die Pharmakotherapie
wird die Placebowirkung als ein "Nebeneffekt" behandelt, der zu
neutralisieren ist, um die eigentliche Wirksamkeit des chemischen Wirkstoffes
zu definieren. Dies ist sicher in wissenschaftlichem Interesse und nicht zu
kritisieren. Im Kontext der Psychotherapie kann aber aus diesem "Nebeneffekt" ein
Wirkfaktor werden, der im positiven Fall angestrebt und genutzt, dem aber im
negativen Fall auch entgegengewirkt werden sollte.
Die interpersonelle Psychotherapie der Depression (IPT) sieht in der Anfangsphase
der Therapie einen wesentlichen Wirkfaktor darin, dem Patienten die Krankenrolle
zuzuweisen. Patienten kommen häufig in die Klinik mit der Einstellung,
ihr Arzt habe sie zwar eingewiesen, im Grunde seien sie aber gar nicht krank,
und ihre Familie sehe das auch so. Eine psychische Störung als Krankheit
zu definieren, die zur Berufsunfähigkeit führt und die man behandeln
muss, kann Patienten sehr entlasten. Die Einweisung in ein Krankenhaus, die
Verordnung eines Medikamentes, die Teilnahme an Gruppentherapie und vieles mehr
können zusammen genommen bewirken, dem Patienten die Behandlung sehr deutlich
zu machen und bereits auf dieser Ebene quasi als Placebo sehr wirksam sein.
Was aus medizinischer Sicht als ein Placeboeffekt verstanden wird, ist aus psychotherapeutischer
Sicht ein hoch wirksames Agens. Der chemische Wirkstoff der Arznei oder der
Inhalt der zusätzlichen "Anwendungen" spielt dabei zunächst
keine Rolle. Die Wirksamkeit dieses Agens besteht nicht nur in einer Veränderung
der Einstellung sowie des Glaubens an die "heilende Wirkung" und
damit der psychischen Ebene, sondern auch in einer Veränderung der "Biologie" (Aktivierung
von Endorphinen, Veränderung der Stressregulation, usw.). Auch in der Psychotherapie
ist die Effektivität eines Verfahrens gegenüber "Placebotherapie" Gegenstand
von Untersuchungen.
Ein negativer Placeboeffekt der Pharmakotherapie kann sein, dass bei einem Patienten
die Einstellung entsteht, er selbst könne seinen Zustand nicht verändern
und sei auf die Wirkung der Arznei angewiesen ("externale Erfolgsattribution").
Dieser Effekt lässt sich insbesondere bei vielen Langzeitpatienten beobachten,
die durch ihre behandelnden Ärzte entsprechend sozialisiert sind und ausschließlich
an die helfende Wirkung ihrer Pillen glauben. Durch eine solche Haltung werden
eigene Vermeidungstendenzen des Patienten verstärkt, und die Hürde
wird höher, sich mit dem grundlegenden Problem der Depression psychotherapeutisch
auseinander zu setzen. Dies ist aus psychotherapeutischer Sicht sehr kontraproduktiv.
3. Wirkung von Psychotherapie gut belegt
Hinsichtlich der Psychotherapie in der Behandlung von Depressionen gibt es inzwischen
zahlreiche Untersuchungen, die eindeutig eine gute Wirksamkeit belegen12.
Das Ausmaß mit zwischen 8 und 16 Wochen erreichbarer Symptomreduktion
durch Psychotherapie steht der antidepressiven Pharmakotherapie in nichts nach.
Darüber
hinaus lassen sich wesentliche Vorteile der Psychotherapie gegenüber der
Pharmakotherapie erkennen:
- Die Anzahl der Behandlungsabbrecher und der Verweigerer ist bei der
Pharmakotherapie deutlich höher als bei den psychologischen Therapien.
- Depressive Patienten, die z.B. mit Verhaltenstherapie oder Interpersonaler
Therapie behandelt wurden, haben weniger Rezidive und damit weniger kostspielige
Kontakte mit Ärzten bzw. Therapeuten und können die Zeit bis zu einer
erneuten Depression deutlich verlängern.
Die Erfahrungen von Psychotherapeuten im Umgang mit depressiven Patienten führen
zu der Überzeugung: Depression tritt immer im Zusammenhang mit belastenden
Ereignissen in einem psychosozialen Kontext auf und ist eine Folge der Verarbeitungsmechanismen
des Patienten. Psychotherapie ist dann langfristig wirksam, wenn es dem Patienten
gelingt, diese Verarbeitungsmechanismen im Zusammenhang mit seiner Lebenssituation
zu ändern. Ist er damit erfolgreich, verändern sich auch die zentralnervösen
biochemischen Prozesse als das physiologische Korrelat. Rezidive treten dann
ein, wenn dieses Ziel noch nicht erreicht werden konnte. Pharmakotherapie alleine
erreicht ein solches Ziel nicht, sondern kann – bei entsprechender Wirksamkeit
- Patienten nur darin unterstützen.
4. Statt Reduktion auf Pharmakotherapie weitere Wirkfaktoren berücksichtigen
Insbesondere im stationären Rahmen wird in der Behandlung von Depressionen
ein breites Behandlungsspektrum angeboten, unter Einbeziehung unterschiedlicher
Berufsgruppen. Es gibt spezielle "Depressionsstationen" mit einem
besonderen Setting (siehe Wolfersdorf13 und Stecker14),
in dem psychotherapeutische Aspekte im Vordergrund stehen und das Konzept bestimmen.
Auch dies ist ein Wirkfaktor, der bisher nur wenig untersucht wurde, aber klinisch
nachweisbar ist (z.B. durch Vergleich der Zahl von Behandlungsabbrüchen
gegenüber Regelstationen).
Leider stehen für die Untersuchung der Wirksamkeit dieser unterschiedlichen
Behandlungselemente nicht annähernd so viele Mittel zur Verfügung
wie für die Pharmakotherapie, so dass häufig nur auf die klinische
Erfahrung verwiesen werden kann. Es wurde schon erwähnt, dass in der Behandlung
von Depressionen durch ein körperliches Ausdauertraining, das eingebettet
ist in eine psychotherapeutische Behandlung, eine ähnliche Wirksamkeit
erzielt werden kann wie durch die Pharmakotherapie. Es können sich auch
deutliche Verbesserungen eines depressiven Zustandsbildes zeigen, wenn ein Patient
z.B. in der Beratung bei einem Sozialarbeiter entscheidende Hilfen erfahren
hat oder wenn er in der Ergotherapie wieder Zugang zu seinen Fähigkeiten
finden konnte.
Die Darstellung der einzelnen Therapieansätze soll hier nicht vertieft
werden. Es geht nur darum, Folgendes deutlich zu machen: Die Reduktion der Behandlung
depressiver Störungen auf die Pharmakotherapie wird den vielfältigen
Möglichkeiten der Behandlung und deren Erfordernissen im Einzelfall nicht
gerecht und ist dem Verständnis psychischer Störungen nicht angemessen.
Die Behandlungsführung auf solchen Stationen, die Verordnung der einzelnen
Maßnahmen und die Einbindung der verschiedenen Behandlungselemente in
ein gemeinsames Konzept obliegt heute noch alleine den Ärzten. Dies ist
in der Behandlung psychischer Störungen und insbesondere der Depression
aus fachlicher Sicht nicht mehr nachvollziehbar. Die Behandlung einer Depression
im stationären Rahmen und insbesondere auf einer Depressionsstation ist
im Schwerpunkt geprägt von psychotherapeutischen Konzepten. Dementsprechend
sollten auch Psychotherapeuten für das Konzept solcher Stationen, die Verordnung
einzelner Maßnahmen und die Einbindung der Mitarbeiter der Station in
einen Gesamtbehandlungsplan verantwortlich sein können.
5. "Es gibt keine Pillen gegen Schulden"
Der Begriff "Schulden" ist eher etwas plakativ zu verstehen und
nicht alleine auf die finanzielle Situation zu beziehen. Es geht hier um das
Verständnis der "Ursachen" einer depressiven Störung und
der Zielsetzung der Behandlung. Die Pharmakotherapie sieht in der Depression
verkürzt ausgedrückt eine Stoffwechselstörung und zielt darauf,
die psychische Befindlichkeit eines Patienten zu verbessern, indem sie diese
Störung durch chemische Mittel zu beheben versucht. Es soll hier nicht
weiter darauf eingegangen werden, dass die biologische Sichtweise einer Depression
noch nicht geklärt ist15 und sich die Pharmakotherapie im konkreten
Einzelfall immer noch in einem Versuchsstadium befindet. Aber auch dann, wenn
die wissenschaftliche Entwicklung schon viel weiter wäre, ist doch zu fragen,
was mit der Pharmakotherapie bei depressiven Störungen überhaupt zu
erreichen ist.
Die Entwicklung einer Depression ist multifaktoriell bedingt (siehe Berger16)
und wird aus heutiger Kenntnis in Abhängigkeit gesehen zu biologischen
Faktoren und einer psychischen Vulnerabilität. Diese Vulnerabilität
ergibt sich neben genetischer Disposition aus der unzureichenden Verarbeitung
frühkindlicher Traumata, besonderer Verlusterlebnisse, prägenden Bindungserfahrungen
im Rahmen der frühkindlichen Entwicklung (Bowlby) und weiteren Lernerfahrungen
(siehe auch "Depression, ihre Ursachen und ihre Behandlung" bei
Stecker17). Sowohl im positiven wie im negativen Sinne entwickeln
sich daraus die besonderen Strukturen der Persönlichkeit und ihre speziellen
Kompetenzen, Defizite, Ängste, Verhaltensmuster, Denk- und Beurteilungsschemata.
Diese steuern die Verarbeitungsprozesse eines Patienten, die ihn seine gegenwärtige
Situation erleben lasen. Hier können einige Menschen im übertragenen
Sinne reichlich Kapital ansammeln und weiter mehren, während andere eher "zu
Schulden kommen". Vulnerable Personen sind besonders empfindlich gegenüber
Kränkungen, Verlust von Bestätigung und zwischenmenschlichen Kontakten
und verarbeiten diese depressiv, weil ihnen andere Verarbeitungsmuster nicht
zur Verfügung stehen. Dieser Verarbeitungsprozess führt zu dem aktuellen
depressiven Zustandsbild, das Gegenstand der Behandlung ist. Es erscheint als
unsinnig, wollte man die grundlegenden Faktoren im Verarbeitungsprozess eines
Menschen mit den Mitteln der Pharmakotherapie in der notwendigen Weise gezielt
verändern. Das ähnelt dem Versuch, unzureichende Kenntnisse und Fähigkeiten
wie z.B. soziale Kompetenzen und Problemlösefähigkeiten per Infusion
einträufeln zu wollen (wie beim "Nürnberger Trichter").
Wenn Pharmakotherapie in der Behandlung einer Depression wirksam ist, dann nur
in einem Teilbereich dessen, was als die Ursache der Depression zu sehen ist.
Werden die anderen Bereiche, die insbesondere die Vulnerabilität des Patienten
betreffen, nicht mit verändert, führt dies zu einer Chronifizierung
der Depression.
6. Psychotherapeutisches Gesamtkonzept auch für stationäre Akutbehandlung
Krankenkassen sehen als eine wesentliche Voraussetzung für die Bewilligung
einer stationären Akutbehandlung die ärztliche Dominanz in der Behandlung.
Dies wird häufig daran festgemacht, ob ein Patient medikamentös behandelt
wird und eine ständige ärztliche Präsenz erforderlich ist. Sind
diese Bedingungen nicht gegeben, dann wird damit die Behandlung als eine Rehabilitation
definiert und die Zahlung im Akutkrankenhaus eingestellt. Dies würde derzeit
auch für eine stationäre Behandlung gelten, die im wesentlichen mit
den Mitteln der Psychotherapie erfolgt.
Die hier dargestellte Argumentation macht deutlich: Insbesondere im Rahmen einer
stationären Behandlung depressiver Störungen ist die biologische Wirksamkeit
eines chemischen Wirkstoffes der Pharmakotherapie von untergeordneter Bedeutung
gegenüber den anderen Behandlungsmaßnahmen im Rahmen eines psychotherapeutisch
orientierten Gesamtkonzeptes. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, die Behandlung
eines depressiven Patienten ohne Antidepressiva generell als Behandlungsfehler
zu definieren. Die Forderung nach ärztlicher Dominanz erscheint im Kontext
der hier dargestellten Argumentation als nicht mehr haltbar. Patienten sollten
auch im Bereich der stationären Akutbehandlung das Recht haben, nach einem
psychotherapeutischen Gesamtkonzept und mit den Mitteln der Psychotherapie behandelt
zu werden.
Auf weitere Themen zu diesem und dem folgenden Punkt wird in weiteren Texten
eingegangen (siehe Stecker18: "Notwendige Veränderungen
der rechtlichen Rahmenbedingungen" und "Versorgungsstrukturen für
stationäre
Psychotherapie").
7. Gesetzliche Rahmenbedingungen bedürfen der Änderung
Pharmakotherapie ist in Deutschland ausschließlich eine ärztliche
Domäne, auch wenn dies in anderen Ländern wie z.B. den USA inzwischen
anders gesehen wird (siehe Rau19). Es soll in diesem Zusammenhang
nicht darum gehen, den Ärzten diese Domäne zu nehmen. Es ist aber
in diesem Kontext in Frage zu stellen, ob die Behandlungsführung z.B. bei
depressiven Patienten im Rahmen einer stationären Akutbehandlung notwendig
von einem Arzt übernommen
werden muss. Der VPP vertritt hier die Position: Bei der Behandlung psychischere
Störungen in einem komplexem Behandlungssetting mit einem multiprofessionellen
Team kann die Behandlungsführung auch von einem Psychologischen Psychotherapeuten übernommen
werden. Dafür ist es u.a. notwendig, dass auch Psychotherapeuten die Leistungen
der beteiligten Berufsgruppen wie Behandlungspflege, Ergotherapie oder soziale
Beratung verordnen und Anordnungen treffen dürfen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen
für die Behandlung im Krankenhaus sind entsprechend anzupassen (siehe z.B.
Krankenhausgesetz NRW und Fußnote 18.).
Hans-Werner Stecker
Mitglied im Bundesvorstand des VPP im BDP
- www.arznei-telegramm.de/zeit/0505_c.php3
- DGPPN und AGNP in ihrem Artikel "Arznei-Telegramm: fahrlässiges
Journal" www.agnp.de/AGNP-Homepage-Dateien/Downloads/Antidepressiva-Placebo-Fritze.pdf
- Antwort darauf durch das A-T unter dem Titel "Antidepressiva: Die
Sicht von Fachgesellschaften" www.arznei-telegramm.de/zeit/zeit_a.php3
- "Fazit: Bei schweren Depressionen ist Suizidalität ein ständiger
dunkler Begleiter. Zu Beginn der Behandlung einer schweren depressiven Episode
ist besondere Aufmerksamkeit nötig, da die antidepressive Wirkung der
Pharmako- oder Psychotherapie oft erst nach zwei bis vier Wochen deutlich wird,
da auch leichtere Nebenwirkungen von Patienten im Rahmen der depressiven Erkrankung
als dramatische Verschlechterung fehlinterpretiert werden können und da
mit Besserung des Antriebs möglicherweise suizidale Impulse leichter umgesetzt
werden können. Dies gilt für alle Antidepressiva und auch für
Psychotherapie. Spekulationen, dass SSRI in besonderem Maße die Gefahr
der Suizidinduktion bergen, sind nicht belegt. Ernst zu nehmen sind jedoch
die Hinweise aus Studien bei Kindern und Jugendlichen, dass es unter SSRI und
anderen Antidepressiva zwar nicht zu Suiziden, jedoch zu einer Zunahme von
Suizidgedanken und Suizidversuchen kommt." siehe www.kompetenznetz-depression.de
- "Die AkdÄ schließt sich der Auffassung der FDA und des Expertengremiums
an, dass sich nach derzeitigen Erkenntnissen keine Einschränkung der zugelassenen
Indikationen für SSRI ergibt, aber die unbedingte Notwendigkeit besteht,
Patienten sorgfältig zu überwachen. Insbesondere ist auf das Auftreten
von psychomotorischen Erregungssymptomen wie z. B. Unruhe, Angstzustände,
Schlaflosigkeit, erhöhte Reizbarkeit, Aggressivität oder dranghafte
Suizidgedanken zu achten und gegebenenfalls die Medikation unter entsprechender
Kontrolle abzusetzen bzw. die Dosis zu reduzieren. Unabhängige Langzeitstudien
müssen das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Antidepressiva und die Sinnhaftigkeit
ihrer stetigen Verordnungszunahme künftig noch klären." siehe www.akdae.de/en/49/AeltereAusgaben/929_2004_062.html
- In einer Cochrane-Studie "Active placebos versus antidepressants for depression.” (Review)
Copyright ©2005 The Cochrane Collaboration. Published by John Wiley & Sons,
Ltd, heißt es:
"This review examined trials which compared antidepressants with 'active'
placebos, that is placebos containing active substances which mimic side effects
of antidepressants. Small differences were found in favour of antidepressants
in terms of improvements in mood. This suggests that the effects of antidepressants
may generally be overestimated and their placebo effects may be underestimated.”
und zusammenfassend: "Tricyclic antidepressants are only slightly better
than active placebos.” siehe auch: www.cochrane.de/de/index.htm
- Prof. B. Müller-Oerlinghausen, der Vorsitzende der Arzneimittel-Kommission
der Deutschen Ärzteschaft schreibt als Kommentar: "Ich möchte
nicht ausschließen, dass wir in der Zukunft eine Reevaluation des tatsächlichen
Stellenwertes von Antidepressiva bei differenzierten Zielpopulationen bekommen
werden, wie wir sie jetzt bei dem Thema "Hormone in den Wechseljahren” erleben
(siehe Fußnote 3).
- siehe www.medigenomix.de/pharmmed1.html und
www.aerzteblatt.de/v4/archiv/
artikel.asp?id=30549
- www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2004/
pressemitteilung20041124
- www.ta-swiss.ch/www-remain/projects_archive/life_sciences/
040517_Folien_PK_Pharmakogenomics_d.pdf
- Wirkt Ausdauersport antidepressiv? Ausdauersport als Instrument zur
Erweiterung der Herzratenvariabilität (HRV): Der Vergleich zweier Sportangebote (Bewegungstherapie/Ausdauersport)
im Rahmen einer vollstationären Behandlung bei unterschiedlichen psychiatrischen
Diagnosen.
Regelmäßiges stattfindendes Ausdauertraining führt zu einer
Stimmungsverbesserung und wirkt sich positiv auf unterschiedliche psychiatrische
Diagnosespektren aus. Der in den letzten Jahren stärker gewordene Fokus
in der Forschung auf diesen positiven Zusammenhang zwischen Ausdauersport und
Stimmungsverbesserung zeigt insbesondere in den klinischen Diagnosen Depression
und Angststörungen richtungsweisende Ergebnisse (z.B. Brooks A et al.
(1998), Babyak, M. et al. (2000).). Eine mögliche Erklärung dafür
zielt auf die durch den Ausdauersport erwirkte Erweitung der HRV, dessen Variabilität
bei einigen psychiatrischen Diagnosespektren deutlich eingeschränkt zu
sein scheint. ....
www.psychiatrie-forschung-bethel.de/Projekte/Ausdauersport.html
- siehe
Martin HAUTZINGER: Zur Wirksamkeit von Psychotherapie bei Depressionen. Psychotherapie
3, Jahrg. 1998, Bd. 3, Heft. 1 0 CIP-Medien, München
- siehe z.B.: Wolfersdorf,
M. und AK Depressionsstationen: Depressionsstationen – ein Überblick
zum Stand 1996. in Wolfersdorf, M (Hrsg.): Depressionsstationen / stationäre
Depressionsbehandlung: Konzepte, Erfahrungen, Möglichkeiten heutiger Depressionsbehandlung.
Springer Berlin, 1997, S. 7 f
- Stecker, Hans-W: Versorgungsstrukturen für
stationäre Psychotherapie.
Unter : www.hwstecker.de/Gesetze/Angestellte/Agenda2.htm
- siehe z.B. Hegerl,
Ulrich und Rupprecht, Rainer: Affektive Störungen. in:
Förstl, Hans, Hautzinger & Roth: Neurobiologie psychischer Störungen.
Springer, Heidelberg, 2006, S. 442f: "Die große Zahl an Erklärungsansätzen
ist Ausdruck dafür, dass bisher kein ausreichend umfassendes und stimmiges
Erklärungsmodell für die Vulnerabilität hinsichtlich depressiver
Störungen, die Auslösung depressiver Episoden und die physiologischen
Grundlagen depressiver Syndrome vorgelegt worden ist. Die gegenwärtige
Forschungslage reflektiert möglicherweise auch die Tatsache, dass zahlreiche
diagnoseunspezifische Faktoren zusammen wirken müssen, um in ein depressives
Syndrom einzumünden."
- Berger, Mathias: Psychische Erkrankungen. Urban & Fischer,
München
2004 Resümee zur Ätiologie und Pathogenese der Depression: "Familienstudien
weisen auf eine genetische Disposition aller Formen effektiver Erkrankungen,
Zwillingsstudien verdeutlichen jedoch auch, dass genetischen Faktoren
nur eine Teilbedeutung bei der multifaktoriellen Entstehung zukommt. Bisherige
neurobiologische Forschung spricht für die Bedeutung von Störungen
der aminergen und cholinergen Neurotransmission, insbesondere im limbischen
System, für die
Pathogenese der Erkrankungen, doch dürften hierbei intrazelluläre
Signalübertragungsmechanismen wichtiger sein als synaptische Vorgänge.
Vulnerabilität für affektive Erkrankungen ergibt sich neben genetischer
Disposition aus frühkindlichen Traumata, insbesondere Verlusterlebnissen.
Sowohl psychodynamische als auch verhaltenstherapeutisch-kognitive Modelle
sprechen für Denk- und Beurteilungsschemata bei vulnerablen Personen,
die sie gegenüber
Kränkungen, Verlust von Bestätigung und zwischenmenschlichen Kontakten
besonders empfindlich machen. Depressionsmodelle müssen dieses Zusammenspiel
genetischer Disposition, kindlicher Prägung, innerpsychischer Denk- und
Bewertungsschemata und aktueller physischer wie psychosozialer Belastungsfaktoren
nicht nur bezüglich der Auslösung, sondern auch bezüglich der
Aufrechterhaltung affektiver Erkrankungen berücksichtigen." (S. 583)
- www.hwstecker.de/praxis/Depression/Gruppenarbeit.html
- Krankenhausbehandlung
ist notwendig darauf begrenzt, Patienten in einer akuten Krise zu behandeln
und hat darüber hinaus noch den Auftrag einer umfassenden
Diagnostik. Dies erfordert u.a. eine Verbindung zwischen ambulanter und stationärer
Behandlung im Rahmen einer integrierten Versorgung. Siehe dazu "Agenda
1 für stationäre Psychotherapie: Notwendige Veränderungen der
rechtlichen Rahmenbedingungen" und "Agenda 2 für stationäre
Psychotherapie: Versorgungsstrukturen für stationäre Psychotherapie"
unter www.hwstecker.de/Gesetze/Angestellte/index.htm oder
weitere Texte unter www.vpp.org.
- Vortrag Stuttgart
SZVT, Juni 2005 Rau kommt zu der Schlussfolgerung: Die Verordnungskompetenz
könnte zu vermehrter Anwendung psychopharmakologischer Substanzen und,
damit einhergehend, stärkeren Aktivierung externaler Kontrollüberzeugung
und Schwächung der Selbstwirksamkeitserwartung führen. Sie könnte
uns nichtärztliche Psychotherapeuten dazu veranlassen, psychotherapeutische
Interventionen weniger intensiv zu gestalten und eventuell vorschnell pharmakologisch
zu intervenieren. Sie würde uns stärker industriellen Einflüssen
ausliefern, die uns in unserer Entscheidung und unserem beruflichen Selbstbild
beeinflussen. Auf der anderen Seite wurde gezeigt, dass nichtärztliche
Psychotherapeuten mit der notwendigen Fortbildung und Überwachung ohne
Gefährdung von Patienten die Verordnungskompetenz erhalten und somit umfassend
behandeln können. Ob damit eine grundsätzliche Verbesserung der psychologisch-psychiatrischen
Patientenversorgung einhergeht, muss erst noch gezeigt werden.
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