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Sozialpsychologen: Die rechte Gewalt lässt sich stoppen
Allerdings drängt die Zeit
Gewalt gegen Minderheiten in Deutschland ist ein trauriges Thema. Pöbeleien und Angriffe, selbst Morde sind keine Seltenheit mehr. Die Situation ist nicht länger hinnehmbar, meint der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Bonn. Massives Gegensteuern sei nötig und möglich, erklärt der Verband unter Berufung auf fundierte psychologische Forschungsergebnisse zum Rechtsradikalismus aus den letzten Jahren. Maßgeblich dazu beigetragen hat die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Universität Marburg. In einem soeben in der Fachzeitschrift des BDP Report Psychologie (Heft 9/2000, Deutscher Psychologen Verlag, Bonn) erschienenen Beitrag fordern sie rasches Handeln, denn nach Ansicht der psychologischen Experten drängt die Zeit. Das liege daran, so die Marburger Psychologen, dass sich gesellschaftliche Fehl-Entwicklungen, wie die Zunahmen fremdenfeindlicher Gewalt und deren Akzeptanz, mit zunehmend Dauer immer mehr beschleunigen. Andere Forscherteams sind auch auf internationaler Ebene aktiv. So betreiben Psychologen von der Universität Jena mit belgischen und britischen Forschern einen intensiven Austausch über Rechtsradikalismus und Aggressivität unter Jugendlichen.
Den Tätern die vermeintliche Rückendeckung nehmen
Weil die Kreise und gegenseitigen Unterstützungssysteme der Täter zu geschlossen sind, um sie kurzfristig direkt erreichen zu können, schlägt die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie um Professor Dr. Ulrich Wagner an der Universität Marburg zunächst eine indirekte Vorgehensweise vor: Ihrer Ansicht nach ist es möglich, der rechtsradikalen Szene unmittelbar die - von den Tätern unterstellte - externe Befürwortung ihrer Handlungen durch breite Kreise der Bevölkerung zu entziehen. Die rechtsradikalen Gewalttäter gehen nämlich von der Annahme aus, dass sie das tun, was breite Kreise in der Bevölkerung eigentlich wünschen, wozu sie sich selbst aber nicht "trauen". Die Gewalttäter profitieren so von der vermeintlichen Zustimmung für ihre Taten in der Bevölkerung. Diese vermeintliche Rückendeckung lässt sich nach Überzeugung der Sozialpsychologen mit Hilfe einer breiten und von allen gesellschaftlichen und politischen Gruppen getragenen Ächtung von Gewalt und Gewaltandrohung zu zerstören.
Um hierfür auch die konservativen politischen Kräfte in Deutschland zu gewinnen, schlagen die Psychologen vor, die politische Diskussion auf die Grundfrage zu beschränken: Hier und jetzt geht es um die Ächtung von Gewalt gegen Minderheiten. Die Übereinstimmung in dieser Position ist grundsätzlich vereinbar mit unterschiedlichen Standpunkten in Bezug auf Zuwanderungsgesetze, Aufenthaltsrecht, doppelte Staatsbürgerschaft, etc.
Der Staat muss auf Gewalt unmittelbar reagieren
Bei der juristischen Behandlung rechtsradikaler Straftäter halten die Marburger Sozialpsychologen es für unumgänglich, dass der Staat unmittelbar auf eine Gewalttat reagiert. Dies bedeute nicht, dass er auch immer mit der "ganzen Härte des Gesetzes" agieren muss - auch unmittelbare sozialpädagogische Maßnahmen können nach Feststellungen der Psychologen sehr sinnvoll sein. Mittel- und langfristig seien allerdings nachhaltigere Strategien zu entwickeln. Weil nach den Untersuchungen der Marburger Arbeitsgruppe vor allem Bedrohungsgefühle im Zusammenhang mit Zuwanderern und mangelnde persönliche Erfahrungen mit Minderheiten für deren Ablehnung verantwortlich sind, sollte dieser Form von Provinzialisierung durch interkulturelle Begegnungen entgegengewirkt werden. Der vornehmliche Ort für solche grundlegenden Erfahrungen ist die Schule. Professor Wagner: "Während der Pflichtschulzeit bietet sich die einmalige Chance, alle potentiell Beteiligten zumindest physisch präsent zu haben, danach sind Rassisten für Interventionsmaßnahmen kaum noch freiwillig zu gewinnen." In den Bereich schulischer interkultureller Bildung müsse somit massiv investiert werden.
Positive Vorbilder und altersadäquate Alternativangebote sind wichtig
Rechtsradikale und aggressive Tendenzen unter Jugendlichen werden auch von anderen psychologischen Forscherteams an deutschen Hochschulen besonders ernst genommen. Im vergangenen Jahr riefen die Jenaer Psychologieprofessoren Rainer K. Silbereisen und Peter Noack speziell zu diesem Thema mit belgischen und britischen Forschern ein internationales Graduiertenkolleg ins Leben. "Das soziale Denken eines 13-Jährigen verlangt klare Maßstäbe", erläutert Entwicklungspsychologe Silbereisen. "Hier kann man zum Beispiel mit positiven Vorbildern weitaus mehr erreichen als mit moralinsauren Sprüchen gegen Ausländerfeindlichkeit." Die Erwachsenen sollten versuchen, die Motivationen Jugendlicher zu verstehen, die sich rechtsradikalen Gruppierungen anschließen: "Das Ansehen in der Gruppe und der Spaß im Miteinander unter Gleichaltrigen ist dann wichtiger als der erhobene Zeigefinger der Eltern und Lehrer." Diesen Jugendlichen müssten altersadäquate Alternativangebote unterbreitet werden, die mit den Abenteuerreizen und simplen Orientierungsmustern der rechten Szene konkurrieren können. "Überhaupt wird die emotional-affektive Betroffenheit Jugendlicher häufig unterschätzt", meint Silbereisen. "Die jungen Leute sind weniger egozentrisch, als man ihnen unterstellt. Aber sie brauchen konkrete Angebote für ein sinnvolles soziales Engagement."
Je geringer der Kontakt desto größer das Vorurteil
In einer gerade abgeschlossenen Untersuchung konnten die Marburger Sozialpsychologen nachweisen, dass gerade solche Personen ethnische Minderheiten zurückweisen, die keine persönlichen Kontakte mit Minderheiten haben. Für die sich in vielen Untersuchungen zeigende größere Zurückweisung von "Fremden" in Ostdeutschland lässt sich zeigen, dass diese damit zusammenhängt, dass Ostdeutsche bei einem Ausländeranteil von etwa 2% im Vergleich zu Westdeutschen (Ausländeranteil etwa 10%) weniger Möglichkeiten haben, intensive persönliche Beziehungen zu Minderheiten aufzubauen.
Zwei Gruppen von Akteuren
Im Zusammenhang mit der aktuellen Eskalation rechtsradikaler Gewalt ist es darüber hinaus notwendig, zwischen mindestens zwei Gruppen von Akteuren zu differenzieren:
Die breite Bevölkerung. Allgemeine Untersuchungen haben gezeigt, dass Fremdenfeindlichkeit insbesondere dann entsteht, wenn Menschen sich von Zuwanderern physisch bedroht fühlen, wenn sie glauben, Minderheiten würden ihre eigenen materiellen Ressourcen gefährden und insbesondere dann, wenn sie ihre Kultur und Identität durch die Zuwanderung von Minderheiten "irgendwie" bedroht sehen.
Die wenigen international vergleichenden repräsentativen Meinungsumfragen (zuletzt 1997) zeigen, dass Deutschland kein ausländerfreundliches Land ist, im EU-Vergleich liegt Deutschland an viertletzter Stelle im Ausmaß an Ausländerfreundlichkeit seiner Bevölkerung. In einer Serie von Feldexperimenten konnte die Marburger Arbeitsgruppe Sozialpsychologie zeigen, dass Menschen, die erkennbar nicht-deutsch sind, weil sie z.B. ein Kopftuch tragen, subtil schlechter behandelt werden als "typische Deutsche". Dennoch gibt keine Hinweise darauf, dass gegenwärtig breite Teile der deutschen Bevölkerung aktiv gegen Minderheiten gewalttätig werden könnten. Trotzdem sehen breite Teile der Bevölkerung der aktuellen Welle von Gewalt gegen Minderheiten weitgehend tatenlos zu.
Der gewalttätige oder gewaltbereite Rechtsradikale. Zusätzlich zu schon genannten Ursachen für die Ablehnung von Minderheiten sind für gewaltbereite Gruppen noch die folgenden Faktoren von Bedeutung: Gewalt gegen Minderheiten wird von Gruppen ausgeführt, fast nie sind Einzeltäter am Werk. Dabei handelt es sich um Gruppen, zu deren identitätsstiftendem Merkmal die Akzeptanz von Gewalt gehört - nur wer Gewalt sucht, gehört dazu. Vor allem aber spielt die eingangs bereits erwähnte Überzeugung, das Wohlwollen der Bevölkerung zu genießen, eine nicht gering zu schätzende Rolle.
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