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Kinder müssen ihr Verhalten im Straßenverkehr ständig üben

"Bewusstsein für Gefahren immer wieder neu schaffen"

Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, beim Spiel im Freien oder auf dem Weg zur Schule: Am Straßenverkehr teilzunehmen verlangt Kindern viele Fähigkeiten und Fertigkeiten ab. Welche sind das und wie kann man sie fördern? Interessante und hilfreiche Hinweise gibt der Experte des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) Dr. Rudolf Günther. Mit dem Verkehrspsychologen sprach Silvia Hofmann.*
Frage: Immer mehr Autos, immer weniger Freiflächen: Sind Sechsjährige mit den heutigen Verkehrsverhältnissen nicht völlig überfordert?
Günther: Zunächst einmal: Das tägliche Verkehrsgeschehen bringt jeden dann und wann an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit - auch Erwachsene. Um so mehr gilt das für Kinder, die noch nicht alle Voraussetzungen für eine sichere Teilnahme am Verkehr mitbringen. Das fängt bei elementaren Dingen wie der Körpergröße an. Probieren Sie einmal aus, wie wenig Sie sehen, wenn Sie an einem zugeparkten Fahrbahnrand in die Hocke gehen! Dazu kommt, dass Kinder eine geringere Blickfeldbreite haben: Optische Signale von der Seite nehmen sie daher nur bedingt wahr. Auch beim Richtungshören und beim Einschätzen von Entfernungen und Geschwindigkeiten bestehen große Schwierigkeiten. Noch etwas: Die Aufmerksamkeit vieler Kinder ist meist ungeteilt auf eine Sache gelenkt. Dadurch beobachten sie ihr Umfeld nicht mit. Gerade in alltäglichen Situationen und an vertrauten Orten ist die Unfallgefahr besonders hoch ist, weil Kinder beim Spielen völlig von dem abgelenkt sind, was um sie herum vorgeht.
Frage: Das hört sich an, als sei ein Kind in diesem Alter noch gar nicht fähig, den Schulweg allein zu bewältigen?
Günther: Was Sechsjährige zu einem so wichtigen Zeitpunkt wie der Einschulung schon können, hängt entscheidend davon ab, was davor passiert ist. Verhaltenssicherheit im Straßenverkehr lässt sich nur Schritt für Schritt, im Alltag selbst aufbauen. So können Eltern sehr kleinen Kindern durchaus schon angewöhnen, zwischen Bürgersteigrand und Fahrbahn einen genügend großen Abstand zu halten und am Bordstein immer stehen zu bleiben, bevor sie die Straße überqueren.
Frage: Dazu gehört aber, es als Erwachsener selbst richtig zu machen. Das scheint ja auch nicht immer einfach zu sein ...
Günther: Vorbilder sind ganz wichtig, reichen aber nicht aus. Vorbildverhalten, das heißt auch, dass ich viele einfache, für mich selbstverständliche Handlungen langsamer ausführe und sie dem Kind auch erkläre - also Aufmerksamkeit auf mein Verhalten lenke, indem ich sage: "Schau her, ich sehe jetzt zuerst nach links, dann nach rechts und noch einmal nach links." Das Kind soll sich im Straßenverkehr nicht nur auf anwesende Erwachsene verlassen.
Frage: Apropos Lernen: Wie wichtig sind die Verkehrsregeln?
Günther: Die meisten Kinder kennen die Regeln und verstehen auch deren Sinn. Aber lernen, einen ganzen Weg alleine zu gehen, das bedeutet mehr als nur Regeln einzuüben. Kinder sind oft damit überfordert, ihr Regelwissen flexibel anzuwenden. Beim Schulwegtraining ist es deshalb sinnvoll, das Kind - nachdem es den Weg kennen gelernt hat - anzuregen, selbst einmal die Führung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. So sieht man, ob es zum Beispiel kleine Umwege in Kauf nimmt, um sicher ans Ziel zu kommen. Kinder lernen im Alltag. Also müssen sie auch mit dem Verkehr in Berührung kommen. Das bedeutet zum Beispiel: Wenn Eltern ihre Kinder schon zur Schule fahren, dann bitte nicht bis vors Schultor, sondern 200 Meter davor halten und den letzten Weg zu Fuß gehen lassen.
Frage: Woran erkennt man, dass ein Kind den Weg zur Schule selbstständig zurücklegen kann?
Günther: Viele Eltern trauen ihrem Kind zu früh zu viel zu. Sie sollten es unbedingt weiter beobachten, um festzustellen, wie sicher es wirklich ist. Vor allem auf dem Heimweg, wenn es in der Gruppe unterwegs und die Unfallgefahr größer als auf dem Hinweg ist. Rennt es zusammen mit anderen aus dem Schulhof auf die Straße? Wird es von Gesprächen oder Spielen abgelenkt? Um das herauszufinden kann man ruhig auch mal bei Nachbarn oder Lehrern nachfragen. Auch wenn das Kind gut vorbereitet wurde - viele Dinge vergisst es wieder. Oder es meint, sich über die Regeln hinwegsetzen zu können, weil es sich der Gefahren nicht bewusst ist.
Frage: Inwieweit sind sich Kinder denn der Gefahren im Verkehr bewusst?
Günther: Vorherzusagen, wann sich eine kritische Situation aufbauen könnte, das müssen Kinder erst lernen. Ein Beispiel: Ein sechsjähriges Kind fährt neben einer hohen Hecke Fahrrad. Hinter der Hecke ist eine Garageneinfahrt, ein laufender Motor ist zu hören. Jeder Erwachsene würde in diesem Moment sofort schalten: "Vorsicht, es könnte gleich ein Auto herauskommen!" Das Kind besitzt dieses vorausschauende Gefahrenbewusstsein noch nicht. Ein solches Bewusstsein setzt einen mehrjährigen Lern- und Erfahrungsprozess voraus, entwickelt sich erst ab dem siebten, achten Lebensjahr und muss sich mit dem größer werdenden Aktionsradius immer wieder neu herausbilden. Das zeigt auch die Unfallstatististik: Bis zum Alter von etwa sieben Jahren steigt die Unfallhäufigkeit an, fällt danach zurück, um zwischen zehn und vierzehn Jahren wieder anzusteigen - dann, wenn durch Schulwechsel neue Wege gegangen werden und mit anderen Verkehrsmitteln, wie Bus oder Fahrrad, neue Gefahren entstehen.
Frage: Aber dafür gibt es doch die Fahrradausbildung in der vierten Klasse...
Günther: Gegen Ende der Grundschulzeit fangen viele Kinder an, mit dem Rad zur Schule zu fahren. Meist ist das zu früh, denn in dieser Zeit beginnt ja erst die Fahrradausbildung. Viele Eltern sagen: "Mein Kind fährt schon seit Jahren Fahrrad!" Sie sollten bedenken: Zielgerichtete Fahrten mit dem Fahrrad zu unternehmen erfordert andere Fähigkeiten und Fertigkeiten als es bloß spielerisch zu benutzen. Kinder müssen ihr Fahrrad als Fahrzeug sicher beherrschen und gleichzeitig viele Informationen aus dem Umfeld verarbeiten: Verkehrsschilder beachten, andere Verkehrsteilnehmer richtig wahrnehmen, beim Abbiegen mit einer Hand fahren, sich nach hinten orientieren und trotzdem weiter geradeaus lenken oder bei unvermuteten Ereignissen präzise bremsen können. All das fällt Acht- bis Zehnjährigen noch schwer.
Frage: Wie kann man die Voraussetzungen dafür trainieren?
Günther: Verkehrserzieher können manche Übungen in der Radfahrausbildung gar nicht mehr durchführen, weil einige Kinder zum Beispiel große Gleichgewichtsprobleme haben. Diesen Kindern gelingen selbst einfachste Balancier-Übungen nicht. Psychomotorische Grundfertigkeiten sollten deshalb verstärkt in der ersten und zweiten Klasse trainiert werden. Nicht im Straßenverkehr, sondern spielerisch im Schonraum von Schulhof, Turnhalle oder Klassenzimmer. Es gibt dazu auch Literatur mit geeigneten Übungsvorschlägen**. So lässt sich der Gleichgewichtssinn prima schulen, indem Schüler eine bestimmte Strecke mit dem Rad so langsam wie möglich zurücklegen sollen. Das macht den Kindern nicht nur Spaß, es macht sie auch fit für den Straßenverkehr.

idp

Zur Person: Dr. Rudolf Günther ist Diplom-Psychologe und arbeitet als freiberuflicher Berater in den Bereichen Umwelt- und Verkehrspsychologie. Außerdem hat er einen Lehrauftrag als Privatdozent an der Universität Tübingen. Im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen leitet er die Fachgruppe Umweltpsychologie. , Telefon 07121 22735, Telefax 07121 210654.

*Wir veröffentlichen das Interview mit freundlicher Genehmigung des Bundesverbandes der Unfallkassen. Der Abdruck ist wie bei allen idp-Artikeln honorarfrei. Beleg erbeten.

** "Radfahren in der Schule", Unterrichtsprogramm der Deutschen Verkehrswacht, ISBN 3-927782-10-6, DM 29,80, Bezugsquelle: Gesellschaft zur Hebung der Sicherheit im Straßenverkehr, Tel. (02225) 884-0, Fax:-48; Ratgeber "Kinder im Straßenverkehr", ISBN 3-7950-0724-0, DM 19,80, Bezug über den Buchhandel