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Wenn ein Kind Probleme hat, hat früher oder später die ganze Familie Probleme
Psychologen warnen vor der "psychiatrischen Sackgasse"
Der Behandlung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sollte stets eine gründliche psychologische Untersuchung vorausgehen
Kinder und Jugendliche gelten im allgemeinen als noch unbeschwert, gesund und voller Lebensfreude. Wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse zeigen hingegen ein anderes Bild. Sie stellen vor allem dramatische Verschiebungen bei den Krankheitsbildern fest: Während die akuten Infektionskrankheiten (Mumps, Röteln etc.) weitgehend unter Kontrolle sind, breiten sich psychonervöse und psychosoziale Störungen aus. Nach aktuellen Erhebungen leiden 1,5 Millionen Minderjährige an solchen psychisch bedingten, behandlungsbedürftigen Erkrankungen.
Die weitaus meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen werden jedoch entweder gar nicht oder falsch behandelt, hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) festgestellt. Allzuoft werde die Erkrankung vorschnell "psychiatrisiert" und die Lösung in einer medikamentösen Therapie gesucht, ohne die persönlichen und familiären Umstände zu berücksichtigen, erklärt der Verband. BDP-Präsident Lothar J. Hellfritsch: "Das endet über kurz oder lang in der Sackgasse, und am Schluss gibt's dann oft sogar keine Wendemöglichkeit mehr". Es fördere die unter den Erwachsenen leider ohnehin schon weit verbreitete fatale Tendenz, Probleme mit Arzneimitteln "wegzuschlucken". "In erschreckendem Ausmaß" finde dieses "Mittel" auch auf immer mehr und immer jüngere Kinder Anwendung. "Das verkürzt den Weg zum späteren Griff zur Droge," ist Diplom-Psychologe Hellfritsch überzeugt.
Regular">Probleme beim Psychologen abklären lassen
Fällt ein Kind oder Jugendlicher durch Konzentrations- und Lernstörungen, Hyperaktivität, starke Aggressivität, Angstzustände, dauerhaft niedergedrückte Stimmung oder eine andere psychische Besonderheit auf, sollten Schwere und Ursachen zunächst durch eine psychologische Diagnostik und Beratung geklärt werden, rät Hellfritsch den Eltern. Eine schulpsychologische Beratungsstelle ist hierfür die im doppelten Sinne "naheliegende" Anlaufstelle. Der Psychologe oder die Psychologin kann dann nach den Ergebnissen zu geeigneten Maßnahmen raten. Je nach Fall reichen manchmal stressreduzierende Änderungen im Alltagsablauf der Kinder oder eine veränderte Einstellung der Eltern aus, um die Probleme zu beheben. In anderen Fällen kann eine Psychotherapie, ggf. unter Berücksichtigung der Familie, helfen. Zum Glück muss heute niemand mehr mit seinem Kind erst zum Psychiater, betont Hellfritsch. Seit 1999 übernimmt die Krankenkasse auch die Kosten, wenn Eltern mit ihren Kindern direkt eine Psychologische Psychotherapeutin oder einen Psychologischen Psychotherapeuten aufsuchen. Die Psychologin bzw. der Psychologe klärt evtl. körperliche Beschwerden dann mit dem Haus- oder Kinderarzt ab.
Es liegt nicht nur an der Pubertät
Diplom-Psychologe Hellfritsch warnt in diesem Zusammenhang davor, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen leichtfertig zu bagatellisieren und nach dem Motto "Das wächst sich schon aus" auf Entwicklung und Pubertät zurückzuführen. Häufig verschwänden psychische Störungen eben nicht von selbst und das Risiko sei groß, dass sie chronisch werden. Nach Untersuchungen der Universität Bremen erkranken rund 18 Prozent der Zwölf- bis 17-jährigen - darunter deutlich mehr Mädchen als Jungen - an einer Depression. Die Hälfte von ihnen leidet zusätzlich an Angststörungen und oft geht mit der Erkrankung auch der Missbrauch von Cannabis, Opiaten und Amphetaminen einher.
Ein weiteres wichtiges Feld sind nach Erkenntnissen des BDP kindliche Entwicklungsstörungen, zu denen auch die Schulleistungsstörungen wie Lese- und Rechtschreibschwäche, Sprach- und Sprechstörungen und Störungen der Motorik zählen. Hier ist die fachpsychologische Diagnostik von besonderer Bedeutung, um Entwicklungsstörungen von Verhaltensstörungen wie z. B. Hyperaktivität abzugrenzen. "An diesem Beispiel wird besonders deutlich, dass es wichtig ist, jeweils den Fachmann zu fragen. Das ist hier eindeutig der Psychologe", erklärt Hellfritsch. Sowohl die Ursachen als auch die Behandlungsmethoden unterschieden sich. "Ein schwerer Fehler wäre es in jedem Fall, die Symptome als vorübergehendes Problem zu deuten und mit Psychopharmaka glattzubügeln."
Es geht nicht darum, Schuldige zu finden
Die Chancen zur Behebung einer psychischen Störung sind gerade bei Kindern äußerst hoch, wenn die Erkrankung früh und richtig erkannt sowie angemessen behandelt wird. Ein erster eigentlich naheliegender Schritt ist die Vorstellung des Kindes bei einem Schulpsychologen. Meist wird dieser jedoch erst zu Rate gezogen, wenn "das Kind in den Brunnen gefallen" und es zu einer extremen Belastung für die Schule geworden ist. Auch bevor Eltern ihr Kind zur Untersuchung bei einem niedergelassenen Psychologischen Psychotherapeuten vorstellen - mittlerweile eine Kassenleistung - vergeht in der Regel unnötig viel Zeit. Nach wie vor kostet dieser Schritt viele Eltern große Überwindung, gibt es Berührungsängste gegenüber der Psychotherapie für Kinder. Oft ist die Befürchtung groß, der Psychotherapeut werde den Eltern Vorwürfe machen, sie seien an den psychischen Störungen des Kindes schuld oder hätten in der Erziehung versagt.
Mit Aufklärung und Information darüber, was in einer Psychotherapie mit Kindern wirklich geschieht, will der BDP deshalb dazu beitragen, solche Unsicherheiten abzubauen. Denn in einer Psychotherapie wird weder "gezaubert" noch "nur gespielt". Kind und Psychologe arbeiten - in einer erklärbaren Form, die nichts mit "Spielerei" zu tun hat. Psychotherapie will nicht zuletzt erreichen, den Eltern Hemmungen, Ängste und Schuldgefühle zu nehmen. Wird ein Kind zur Therapie gebracht, geht es nicht darum herauszufinden, wer wann und wo versagt hat. Es geht um Unterstützung für das Kind und für die ganze Familie. Denn wenn ein Kind Probleme hat, hat früher oder später die ganze Familie Probleme.
Telefonberatung für Eltern
Eine kostenlose Telefonberatung zur Psychotherapie für Kinder und Jugendliche bietet der vom BDP eingerichtete Psychotherapie-Informations-Dienst (PID). Unter der Rufnummer 0228 / 74 66 99 geben Diplom-Psychologinnen Auskunft über alle inhaltlichen und organisatorischen Fragen, die Eltern in Bezug auf eine psychodiagnostische Untersuchung und Beratung sowie hinsichtlich einer psychotherapeutischen Behandlung von Kindern haben können. PID vermittelt zudem geeignete Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der gewünschten Region. Der Psychotherapie-Informations-Dienst ist zu folgenden Sprechzeiten erreichbar: Mo, Di, Do, Fr 9.00-12.00 Uhr, Mo und Do 13.00-16.00 Uhr.
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