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Wie man sich bei einem Banküberfall schützen kann

Wenn eine bestimmte Sparkassen- oder Bankfiliale immer wieder überfallen wird, fragen sich nicht nur die Angestellten, sondern auch der Vorstand: Warum immer wieder hier, immer wieder bei uns? Das war die Situation, als Diplom-Psychologen für die Brandenburgischen Sparkassen tätig wurden. Heiko Sill vom Intelligenz System Transfer in Potsdam: "Es gibt Menschen, die immer wieder Opfer werden, weil sie bestimmte Signale aussenden, die dem Täter sagen: Ich bin ein leichtes Opfer. Das ist mit Häusern nicht anders. Es gibt Gebäude, die dem Täter signalisieren: Hier sieht mich keiner, hier habe ich leichtes Spiel."
Sill und Kollegen haben sich etwa 70 Filialen in Brandenburg angesehen und kamen schnell zu einer Bestandsaufnahme: Filialen, die immer wieder Opfer von Banküberfällen wurden, waren fast immer äußerlich irgendwie vernachlässigt - defekte Außenlichter oder Firmenschilder, Mülltonen vor der Tür, struppiges Gebüsch auf dem Grünstreifen, im Inneren ein schummeriges Licht. "Wenn mehrere solcher Merkmale zusammenkamen, konnten wir mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dies eine Filiale ist, die öfter als üblich überfallen wurde". Der Rat der Psychologen an die Betroffenen: Mehr Licht, mehr Transparenz, mehr Öffentlichkeit.

Auch innerhalb solcher Filialen herrschte meistens eine ganz bestimmte Atmosphäre: Ein Kunde oder ein Täter betritt den Raum und keiner schaut hin. "Wir konnten uns mehrere Minuten unbehelligt in der Filiale umsehen, niemand fragte nach unseren Wünschen", haben die Psychologen erfahren müssen. "Zeit genug für einen Ganoven, sein Vorhaben in aller Ruhe zu planen." Auf der Basis dieser Beobachtungen bieten die Psychologen Präventionsseminare für Filialleiter und Angestellte an.

Zunächst wird das äußere Umfeld der Filiale verändert, mehr Licht, mehr Überblick, klar gegliederte Räume, keine schmuddeligen Ecken mehr. Dann wird ein besseres Dienstleisterverhalten geübt: Blickkontakt mit den Eintretenden, auf den Kunden zugehen, nach seinen Wünschen fragen - das freut nicht nur gutwillige Kunden, zugleich werden Täter verunsichert und vielleicht sogar abgeschreckt, denn sie merken, dass sie beobachtet werden.

Auf typisches Täterverhalten kann man sich einstellen
Natürlich kann man nicht jeden Überfall durch perfektes Dienstleisterverhalten verhindern, erklärt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Bonn. Deshalb machen die Psychologen die Angestellten auch mit dem typischen Täterverhalten vertraut, so wie man es aus der kriminologischen Forschung kennt. Laut BDP werden die meisten Überfälle nicht geplant, sondern spontan ausgeführt. Die meisten Täter wollen schnell zu Geld kommen und stehen unter hohem Druck. Kaum einer macht sich Gedanken, wieviel Geld er wirklich haben will. Wenn er also vor einer Kassenbox steht, in der das Geld zeitschlossgesichert ist, wird er nervös und die Situation kann eskalieren. Der Rat an die Kassiererin: Dem Täter durch klare, beruhigende Worte, durch Mimik und Gestik verständlich machen: Ich tu, was ich kann, schnell und zuverlässig. Das verringert die Aufenthaltsdauer des Täters und damit auch die Gefährdung von Mitarbeitern und Kunden.

Wichtig für die Stressbewältigung der Überfallenen ist, dass sie einen Überfall nicht passiv miterleben müssen. Wer etwas tun kann, übersteht das Ereignis meistens besser, als wenn er nur mit sich selbst und seiner Angst beschäftigt ist. Wer keine klare Aufgabe hat, tut leicht etwas Unüberlegtes, das die Situation ausufern lässt. Viele Menschen sehen weg, weil sie meinen, wenn sie nicht hinschauen, sieht der Täter sie auch nicht. Aber das ist wie bei einer Geiselnahme im Flugzeug: Jeder Täter würde nervös werden, wenn er die schwierigste Sache seines Lebens durchzieht und alle sehen aus dem Fenster. Das Psychologenteam übt deshalb bei den Seminarteilnehmern mit Rollenspielen eine Art Aufgabenverteilung ein. Der Kollege an der Kasse hat sich nur um das Geld zu kümmern, die anderen sollen den Täter anschauen, damit der sich ernst genommen fühlt. Dabei kann sich jeder ein anderes Merkmal des Täters einprägen, Größe, Kleidung, Haarfarbe, Dialekt. Auch wer am Boden liegt, kann auf Schritte oder Stimmen achten.

Nur nicht sofort zum Alarmknopf greifen
"Ganz typisch ist auch der Reflex, sofort zum Alarmknopf greifen zu wollen", hat Heiko Sill erfahren müssen. "Wer unter Druck steht, möchte Hilfe holen. Wenn aber dann die Polizei mit Martinshorn kommt oder der Wachschutz zurückruft, ob dies wirklich ein Überfall oder vielleicht nur ein Fehlalarm ist - dann kann die Situation außer Kontrolle geraten. Wir raten deshalb, Alarm erst dann auszulösen, wenn der Täter die Filiale verlassen hat".
Wie haben die Mitarbeiter die Ratschläge der Psychologen angenommen?
"Viele wenden ein, dass doch jeder Überfall anders sei. Aber wir konnten mit Untersuchungsergebnissen aus der forensischen, der Arbeits- und der Wahrnehmungspsychologie belegen, dass es auch bei Banküberfällen Gesetzmäßigkeiten gibt".
Gibt es eine Erfolgsbilanz?
"Mit unseren Seminaren können wir die Wahrscheinlichkeit reduzieren, überfallen zu werden. Ausschließen können wir Überfälle natürlich nicht. Nachbefragungen haben aber gezeigt, dass sich die Bankangestellten nach der Schulung sicherer fühlten. Das ist aber nicht dieses passive Sicherheitsgefühl, was nachlässig macht. Sie waren nur einfach besser gewappnet, darauf vorbereitet, was passieren kann. Und sie quälen sich nicht mehr mit der Frage, möglicherweise etwas falsch gemacht zu haben". Die Psychologen bereiten natürlich auch auf das Nachher vor: Dass es zu Schlaflosigkeit, Unruhe, psychosomatischen Beschwerden kommen kann. Die Menschen müssen wissen, dass das keine Schwäche, kein Versagen ist, sondern eine natürliche Reaktion auf eine unnatürliche Situation. Wo nötig bietet Sill dann auch Nachbetreuung durch "Debriefing" an. Das belastende Ereignis muss vom Betroffenen sauber bearbeitet werden, damit es ihn nicht immer wieder verfolgt.

Dr. Renate Kingma (idp)