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Glossar

Neurose

Neurose, Sammelbegriff für eine Vielzahl von psychischen Störungen und Erscheinungsformen, deren Ursachen je nach psychologischer Richtung (z.B. Psychoanalyse, Lerntheorie) uneinheitlich gesucht werden. In deutlichem Gegensatz zur vorherrschenden psychiatrischen Schulmeinung nahm z.B. Freud bei psychischen Erkrankungen statt der Ätiologie einer hereditären Disposition psychogene Mechanismen, wie die aktualisierte Erinnerung an ein reales sexuelles Trauma, an. Wenige Jahre später revidierte er jedoch diese Verführungstheorie und führte statt dessen das Konzept der kindlichen Phantasie ein, deren Verdrängung fortan als Pathogen für die spätere Entstehung von Neurosen galt (Psychoanalyse). Den Begriff der Neurose gab es freilich schon vor Freud.
Eine Neurose ist als seelische Krankheit definiert und wird bis zum heutigen Tag z.B. in den gängigen psychiatrischen Klassifikationsystemen ICD und DSM von der Psychose abgegrenzt. Die Unterteilung der Neurosen in Symptom- und Charakterneurosen oder die Einteilung der Symptomneurosen in hysterische, depressive, hypochondrische, Angst- und Zwangsneurosen ist ebenfalls in der Psychiatrie allgemein verbreitet. Im eigentlichen Sinn psychoanalytisch sind hingegen die Annahmen zur Ätiologie und Psychogenese der Neurosen aus überwiegend unbewussten psychischen Prozessen, insbesondere aus unbewussten Konflikten. Die ätiologischen und psychogenetischen Annahmen z.B. zu den Entwicklungsbedingungen der psychischen Struktur, ihren Störungsmöglichkeiten und den Auswirkungen auf die spätere Entstehung einer Neurose unterscheiden sich je nach psychoanalytischer Schulrichtung. Zusammengenommen konstituieren sie als sog. Neurosenlehre traditionell den zentralen Teil der psychoanalytischen Krankheitslehre. Mit dem Adjektiv "neurotisch" wird im Unterschied zum Substantiv "Neurose" auch ein "reifes" Entwicklungsniveau der Persönlichkeitsstruktur (v.a. in Abgrenzung zur Borderline-Persönlichkeitsstruktur) bezeichnet.

Als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus klinisch empirischer wie auch aus konzeptueller Sicht erkennbar wurde, dass die im psychoanalytischen Neurosebegriff behauptete Kompromissbildung aufgrund unbewusster Konflikte keineswegs für alle Patienten zutraf, dass vielmehr ein nicht unerheblicher Teil des Klientels entwicklungsbedingte Defizite in einzelnen Bereichen ihrer Persönlichkeitsstruktur aufwies, erfuhr das Neurosenkonzept eine Bedeutungseingrenzung. Aus der ichstrukturellen Beeinträchtigung erwuchs begrifflich allmählich das Konzept der Persönlichkeitsstörung. Die operationalisierte psychodynamische Diagnostik (OPD) verzichtet auf den Begriff der Neurose; statt dessen definiert sie verschiedene Konflikte, die mit gut bis unzureichend integrierten Persönlichkeitstruktur-Niveaus einhergehen können.

W.M.